Berlin Fast noch knackiger als die Originalversion Triumphale "Westside Story" in Berlin

Berlin / CHRISTOPH MÜLLER 12.12.2013
Musicals im deutschen Opernhaus - kann das gutgehen? Ja! Leonard Bernsteins "Westside Story" funktioniert als packende Migranten-Allegorie.

Die "Westside Story" ist schon vor der Premiere bis zum Juni ausverkauft. Zurecht: Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper, brauchte bloß den Staub, der sich auf dem bald sechzigjährigen Broadway-Musical abzulagern begonnen hat, mit Schwung wegzublasen und schon überzeugt die Romeo-und-Julia-Geschichte vom ersten bis zum letzten Takt, auch wenn sie jetzt in einem nahezu kulissenlosen Niemands-, vielmehr: Überall-Land nur zwischen schneidenden Großscheinwerfer-Strahlen spielt und aus der New Yorker Streetgang-Folklore ununterscheidbar bissige Migranten-Underdogs werden.

Das Beste an Barrie Koskys fulminanter Neubelebung der "Westside Story", die in Deutschland normalerweise von Tournee-Bühnen ohne Live-Großorchester abgenudelt wird, ist das Orchester. Unter der Leitung von Koen Schoots trifft es den kernigen Mix aus Klassik-Mustern und afrikanisch und südamerikanischem Jazz-Beat fast noch knackiger als die Originalaufnahme von 1961 unter Leonard Bernstein himself: ein fetzender Rhythmus-Rausch, dem sich die auch noch jede noch so kleine Rolle typenstark charakterisierenden Darsteller so ansteckend hingeben, dass es das Publikum kaum auf den Sitzen hält.

Schon das kommt einem Besetzungs-Wunder gleich, denn alle, die hier auf der (Licht-)Bühne stehen und brav-korrekt agieren, sind in ihrer viel wichtigeren Eigenschaft als Sänger (mit Mikroport) und Tänzer so hinreißend perfekt, wie man es auf deutschen Schauspielschulen eben nicht beigebracht bekommt.

Es ist ein Gesamtkunstwerk geworden, bei dem alles stimmt, auch die sarkastisch komischen Nummern. Die normalerweise streng auf ihr Copyright achtenden Erben der "Westside Story"-Uraufführungsproduktion haben Barrie Kosky erlaubt, die Choreographie von Jerome Robbins sanft von Otto Pichler modernisieren zu lassen. Das ist dem globalen Multkulti-Anspruch der auf Deutsch gesprochenen und auf Englisch gesungenen Berliner Inszenierung erfrischend bekommen. Denn so ist sie zum zeitlosen Sinnbild für gesellschaftliche Konflikte zwischen Jungen und Alten auf der Emotionsgrundlage von Liebe und Hass geworden. Ein ergreifendes Drama, dessen Pulsschlag ganz aus dem Geist der Musik geboren ist.