Stuttgart Expertin Elsbeth Wiemann über den Wildensteiner Altar

Stuttgart / LENA GRUNDHUBER 16.01.2014
Seit einem Jahr gehört der Wildensteiner Altar des Meisters von Meßkirch zum Bestand der Staatsgalerie Stuttgart. In einem Festakt wurde das am Mittwoch offiziell gefeiert. Expertin Elsbeth Wiemann über das Werk.

Als Konservatorin für altdeutsche Malerei freuen Sie sich besonders über den Ankauf des Landes, oder?
ELSBETH WIEMANN: Ja, natürlich! Das kommt selten genug vor. Es gelangen ja überhaupt nur sehr wenige Werke aus dieser Zeit auf den Kunstmarkt, und wenn, dann sind sie nicht bezahlbar. Im Falle des Wildensteiner Altars des Meisters von Meßkirch hatten wir die glückliche Situation, dass er seit 1955 auf der Liste national wertvollen Kulturguts stand. Er darf also gar nicht ins Ausland verkauft werden.

Es dürfte trotzdem nicht einfach gewesen sein, die Mittel für das Werk aus dem Jahr 1536 aufzubringen.
WIEMANN: Tatsächlich war erst nicht klar, ob wir das finanziell stemmen können. Die Verhandlungen mit der Sammlung des Hauses Fürstenberg begannen schon ein Jahr, bevor er zum Verkauf stand. Der Vertrag kam schließlich unmittelbar vor Ablauf der Frist zustande. Aber für uns war klar, dass wir den Altar unbedingt haben wollen.

Reinhold Würth hatte kein Interesse? Immerhin hat der Unternehmer fünf Tafeln des Falkensteiner Altars für Schwäbisch Hall gekauft, die vom Meister stammen und zuvor auch in der Staatsgalerie standen.
WIEMANN: Wenn eine öffentliche Institution Interesse signalisiert, geht ein Privatmann nicht dazwischen. Natürlich hätte ich auch den Falkensteiner Altar am liebsten ganz behalten. Er stand ja zusammen mit dem Wildensteiner Altar zehn Jahre in einem sensationell schönen Raum der Staatsgalerie.

Und dann mussten Sie wählen, welches Werk angekauft wird?
WIEMANN: Ich habe mich gefühlt wie eine Mutter, die ihr liebstes Kind benennen soll! Doch der Wildensteiner Altar ist eben sehr gut erhalten, vor allem ist er vollständig. Im 19. Jahrhundert wurden viele Altäre auseinandergerissen, so finden wir sie oft vor. An diesem Beispiel können wir zeigen, wie ein Wandelaltar wirklich aussieht. Man kann nie alles auf einmal genießen: Entweder man sieht nur die Außen-, oder die Innenseite. Vielleicht werden wir ihn also künftig in der Fastenzeit geschlossen präsentieren.

Das Werk wurde für die Schlosskapelle geschaffen. Worin besteht der Unterschied zu einem Kirchenaltar?
WIEMANN: Privataltäre sind auf die Stifter bezogen, hier sogar ganz extrem: Um die Maria gruppieren sich 14 Heilige. Doch das sind nicht die Nothelfer, sondern die Namenspatrone der Stifterfamilie Zimmern. Ich nehme an, dass man den Altar auch zu den Namenstagen geöffnet hat.

Was wissen wir über den Meister von Meßkirch, der den Altar schuf?
WIEMANN: Der "Meister von Meßkirch" ist ein Notname. Wir wissen nicht, wer dahintersteckt. Mittlerweile gibt es 75 Stellungnahmen mit 17 Zuschreibungen, aber ich persönlich finde das mehr oder weniger hypothetisch. Nicht einmal in der sonst ausführlichen Zimmernschen Chronik tauchen er oder der Auftrag an ihn auf. Sicher ist, dass der Meister zwischen 1520 und 1540 tätig war. Er steht ganz klar in der Dürer-Nachfolge und hat wohl auch Grafiken von ihm besessen, also das Modernste, was es damals gab. Vor allem zeigt er eine enge Verbindung zu Hans Baldung Grien, vielleicht hat er sogar bei ihm gelernt. Er muss über eine große Werkstatt verfügt haben, sonst hätte er Aufträge in dieser Größenordnung nicht so schnell ausführen können. Allein für den Hochaltar von St. Martin in Meßkirch, von dem das Land Baden-Württemberg jetzt eine Tafel für die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe erwerben konnte, hat er circa 100 Bilder in fünf Jahren angefertigt. Das kann er nicht alleine geschafft haben. Und wir wissen, dass er für katholische Auftraggeber im Donautal bei Sigmaringen gearbeitet hat, wie für den Graf Gottfried Werner von Zimmern.

Also war er selbst auch Katholik?
WIEMANN: Das kann so daraus nicht geschlossen werden. Künstler im 16. Jahrhundert verwirklichten sich nicht selbst. Aber die Auftraggeber waren Anhänger der Gegenreformation. Bei den Protestanten waren Heilige, Marienverehrung und Gold - all das, was wir auf dem Altar sehen - verpönt. Mit der Reformation war die große Zeit der altdeutschen Malerei dann auch vorbei. Aber mit diesem Werk geht der Meister von Meßkirch noch einmal richtig in die Vollen.

Was macht die Besonderheit seiner Malerei aus?
WIEMANN: Eine sonderbare Verbindung von altertümlichen Elementen mit solchen der Renaissance, etwa den Palast-Architekturen. Es ist die Art, wie die Gewänder sich von den Körpern lösen, so dass sie fast ein Eigenleben gewinnen. Der Meister von Meßkirch hat eine Farbgebung, die ganz singulär changiert. Es sieht aus, als wolle der Maler ornamentale Freiheit erreichen. Ich kenne keinen deutschen Meister, der so etwas macht.

Dr. Elsbeth Wiemann ist Konservatorin für altdeutsche und niederländische Malerei an der Staatsgalerie Stuttgart.

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