München Es kommt auf den Kontext an: Rechtschreibung 2016

Der ehemalige niedersächsische Staatssekretär Josef Lange steht jetzt an der Spitze des Rates für deutsche Rechtschreibung.
Der ehemalige niedersächsische Staatssekretär Josef Lange steht jetzt an der Spitze des Rates für deutsche Rechtschreibung. © Foto: dpa
München / BRITTA SCHULTEJANS, DPA 25.06.2016
Die Jugend von heute schert sich nicht um Rechtschreibung? Stimmt nicht: Die jungen Leute wissen nur, wann sie sich Mühe geben müssen und wann nicht.

Wer die Nachrichten seiner Freunde auf dem Handy liest oder Kommentare bei Facebook, der kann Zweifel daran bekommen, dass es sie noch gibt, die gute alte Rechtschreibung. Doch der Eindruck täuscht, sagt Michael Rödel, Professor für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität München. „Ich glaube, dass Abiturienten schon besser schreiben als man ihnen nachsagt.“ Es komme auf den Kontext an. Eine SMS oder Whatsapp-Nachricht ersetze heute oft die mündliche Kommunikation, sei darum häufig voller Rechtschreibfehler. Aber: Bei einem wichtigen Brief oder einer E-Mail, die nach dem Aufkommen sozialer Medien als deutlich formeller gelte, sei das anders. Wenn es drauf ankommt, gibt man sich Mühe.

Dass die Mühe angebracht ist, zeigt eine Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship: Fast alle befragten Frauen (95 Prozent) störten sich an Fehlern; bei den Männern waren es 82 Prozent. „Umfragen unter Personalern ergeben auch immer wieder, dass die Rechtschreibung einen überragend bedeutenden Stellenwert hat“, sagt Rödel.

Auch der Rechtschreib-Duden, das Standard-Werk, kann sich nach Angaben einer Verlagssprecherin nicht über mangelndes Interesse beklagen. Umsatzzahlen werden zwar nicht herausgegeben, aber 28 Millionen Kontakte im Monat zählt die Duden-Seite im Internet. Das sind annähernd eine Million am Tag.

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen ein regelrechter Krieg um die richtige Schreibweise von Fuss oder Fuß tobte und die Rechtschreibreform zu leidenschaftlichen Debatten führte. Hans Zehetmair, langjähriger Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung, glaubt, die Wiederherstellung des „Sprachfriedens“ sei weitgehend erreicht. Sein Amt ging jetzt an den ehemaligen niedersächsischen Staatssekretär Josef Lange über, den der Rat für deutsche Rechtschreibung einstimmig zum Nachfolger wählte.

„Die wichtigste Aufgabe ist es, das Thema Rechtschreibreform in dem ruhigen Fahrwasser zu belassen, in das es Herr Zehetmair geführt hat“, sagte Lange. Zudem wolle er dafür sorgen, die Beschlüsse des Rats verständlich in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Sprache verändere sich ständig, aber die geschriebene Sprache vor allem in Schule, Verwaltung und Rechtspflege müsse eindeutig sein.

Auch wenn die Rechtschreibung ihre Bedeutung behalten hat – um die Rechtschreib-Fähigkeiten von Schülern ist es nach Einschätzung des Didaktik-Professors Rödel weniger gut bestellt als vor 10 oder 20 Jahren. Ein Eindruck, den nicht alle seiner Kollegen teilen, wie er betont. Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Aus Rödels Sicht führt ein liberalerer Umgang mit Rechtschreibfehlern in der Grundschule – von dem man sich inzwischen auch langsam wieder verabschiede – schon zu mehr Fehlern. Allerdings habe eine Studie auch ergeben, dass die Schüler im Gegenzug variabler im Ausdruck geworden sind.

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