Ulm Erwin Pelzig: Ein Hütli als Schutzschirm

Ulm / LENA GRUNDHUBER 15.08.2012
Cordhut, Tasche, Karohemd - diesen Pelzig kennt jeder aus dem TV. 2012 hat Frank-Markus Barwasser sein Geschöpf endlich wieder auf die Bühne geschickt. Sie scheinen es zu genießen, alle beide.

Gerade hat man ihn noch als Erwin Pelzig in seinem neuen Programm "Pelzig stellt sich" schimpfen sehen. Doch die Tür zur Wohnung im Münchner Westend öffnet der freundliche Frank-Markus Barwasser, noch kurz vor seiner Sommerpause. Er wohnt hier nicht, weil das Oktoberfest so nah ist ("da geh ich höchstens hin, um Menschen zu studieren"), sondern weil es nicht so schick sei wie andernorts. Es gibt keinen Latte Macchiato, sondern normalen Pulverkaffee. Der muss vorhalten, denn Barwasser nimmt sich viel Zeit für Fragen. Auch für die eigenen.

Wieviel Zeit haben Sie?

FRANK-MARKUS BARWASSER: Jetzt wieder viel. Die Auftritte sind bald zu Ende, dann fahre ich in die Bretagne. Ans Ende der Welt, da kann man viel hinter sich lassen.

War das Spielen so anstrengend?

BARWASSER: Im Gegenteil. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut das tut, nach fünf Jahren endlich wieder eine Bühnentournee zu machen! Das gibt mir mehr Energie, als es mich kostet. Aber zusammen mit dem Fernsehen ist es doch viel zu tun, dauernd ist das Radar an. In der Bretagne habe ich fast nachrichtenfrei, lese ein wenig die Zeitung, und ansonsten glotze ich so vor mich hin.

Und was macht Pelzig inzwischen?

BARWASSER: Ach, der unternimmt wahrscheinlich eine Studienreise nach Osteuropa. Pelzig ist ja sehr interessiert an den Dingen. Aber vielleicht räumt er auch nur seinen Keller auf. Er hat es mir nicht verraten.

Er scheint Ihnen ans Herz gewachsen. Auf der Bühne weiß man oft nicht mehr so genau, wo Pelzig aufhört und Barwasser anfängt.

BARWASSER: Das stimmt. Am Anfang war der Pelzig rustikaler. Als ich gemerkt habe, das wird eine längere Bindung, musste ich was ändern und ihn mir etwas annähern. Aber er ist immer noch einer, der sich mehr traut, frecher ist als ich. Trotzdem finde ich es beruhigend, wenn sich mehr Barwasser bei Pelzig einschleicht als andersherum.

Warum sind Sie dann nicht einfach Barwasser und Journalist geblieben?

BARWASSER: Ich saß schon mit zehn im Stadttheater und habe gedacht: "Da will ich rauf!" Aber selbst, als ich später den Prospero in Shakespeares "Sturm" gespielt habe, wurde zum Grauen des Regisseurs eine komische Rolle daraus.

Bleibt nur, Kabarettist zu werden.

BARWASSER: Wobei ich immer ein Medium zwischen dem Publikum und mir hatte, früher war es eine Marionette, heute ist es der Pelzig. Ich selbst bin keiner, der die Welt auf der Bühne erklären will, manchmal finde ich sie auch nur deprimierend. Aber der Pelzig ist ein tapferer Mann, der fragt weiter und hat einen fast rührenden Optimismus. Und er hat den Vorteil, dass er auch mal ungerecht sein darf.

Damit tun Sie sich schwer?

BARWASSER: Mein Ansatz ist journalistisch. Ich will weniger wissen, wo ich richtig liege, sondern wo ich falsch denke. Bei manchen Themen lasse ich mich auch von Fach-Journalisten oder Wissenschaftlern beraten, ich will auf dem Weg zum Urteil möglichst viel wahrnehmen. Gerade wir Schlauberger-Kabarettisten sollten uns bei den Fakten nicht angreifbar machen. Man sollte Tatsachen nicht einer guten Pointe opfern, auch wenn das manchmal bitter ist. Ist mir zwar auch schon passiert, aber es geschah nicht mit Absicht.

So wie sich die Realität aufführt, ist sie kaum zu überspitzen, oder?

BARWASSER: Wenn ich erzähle, dass man durch ein Einkaufszentrum laufen muss, um zu Olympia in London zu kommen - das wäre vor zehn Jahren die Idee eines Satirikers gewesen. Und Kapitalismuskritik ist heute weder mutig noch unbestritten. Letztlich zeige ich die Verwirrung und Verzweiflung, die wir alle empfinden, wenn wir uns diesen Rotz ansehen müssen und uns dabei selbst unentwegt in Widersprüche verwickeln.

Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich zu sehr mit dem Publikum verbrüdert? Vor Ihnen sitzen auch Leute, die Geflügel aus Massentierhaltung essen.

BARWASSER: Verbrüdern würde ich mich ja nur, wenn ich Themen ausließe, um das Publikum zu schonen und es nicht zu brüskieren. Dass wir alle die Gierigen und voller Widersprüche sind, ist ein Aspekt, der in diesem Programm zwar auch vorkommt, aber nicht seinen Mittelpunkt bildet. Und indirekt thematisiere ich das ja mit der Figur des Doktor Göbel, der sich mit der Ökokiste brüstet. Mir ist wichtiger, dass zwei, drei Gedanken bei den Leuten hängenbleiben, mehr kann man nicht erwarten. Klar, ich will verunsichern, aber deswegen muss ich niemanden als Trottel beschimpfen. Und wenn ich öffentliche Personen, also zum Beispiel Politiker, angreife, will ich ihnen das auch direkt ins Gesicht sagen können.

In Ihrer Talksendung haben Sie sogar den CSU-Generalsekretär Dobrindt zum Verstummen gebracht.

BARWASSER: Obwohl das eigentlich gar nicht mein Ziel ist, ich will ja was wissen. Aber wenn jemand verstummt, dann kann ich damit auch umgehen. Natürlich hilft mir auch da der Pelzig: Die Leute sollen ihm die Dinge erklären, nicht mir. Deshalb vermeide ich, dass die Gäste vor Beginn der Sendung zuviel mit Herrn Barwasser reden. Dadurch entstehen ganz wunderbare Momente. Hannelore Kraft zum Beispiel hat die Figur total ernst genommen. Pelzig hat sie gefragt, wann sie überhaupt Zeit zum Nachdenken findet. Da haben alle gelacht. Nur sie nicht, weil sie die Frage gar nicht so dumm fand.

Im Bühnenprogramm geht es viel um den Selbstbetrug, um die Lüge. Welches Verhältnis haben Sie zur Macht?

BARWASSER: Ich würde Politikern zugute halten, dass sie einer Öffentlichkeit etwas erklären sollen, die oft nicht bereit ist, sich mit Dingen differenziert auseinanderzusetzen. Da wird die Wahrheit manchmal weiträumiger umfahren. Andererseits bleiben häufig Antworten aus, wo sie erwartet werden dürfen und müssen. Das ist dann nicht akzeptabel. Kritisch bin ich da, wo zum Beispiel zuviel Rücksicht auf Lobbygruppen genommen wird und nicht mehr erkennbar ist, wie es zu bestimmten Entscheidungen gekommen ist. Kritisch bin ich auch da, wo nichts mehr erklärt wird und uns Politik als alternativlos untergejubelt werden soll. Aber grundsätzlich sehe ich mich in der Verantwortung, Interesse an der Politik zu wecken, Lust auf Beteiligung und Lust auf Widerstand. Es wenden sich doch ohnehin schon viele Menschen nur noch angewidert von der Politik ab, aber das ist ein Trend, auf den ich mich nicht setzen und davon profitieren will. Das wäre zu einfach.

Trotzdem: Muss man nicht gerade bei den kurzen satirischen Formen im Fernsehen besonders aufpassen, nicht zu platt zu werden?

BARWASSER: Klar, das muss man. Und das beobachte ich selbstkritisch. Wenn die Leute uns ein Sarrazin-Buch hinhalten mit der Bitte, was Nettes reinzuschreiben, dann stimmt was nicht. Es geht nicht darum, alle Unzufriedenen zu versammeln und die Unzufriedenheit als kleinsten gemeinsamen Nenner zu feiern. Wenn wir mal acht Millionen Zuschauer hätten, dann könnte man durchaus die Frage stellen: Machen wir was falsch?

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