Oper Erdbeben und andere Albträume

Der  Komponist Toshio Hosokawa wuchs in Hiroshima auf.
Der  Komponist Toshio Hosokawa wuchs in Hiroshima auf. © Foto: Bernd Weissbrod
Stuttgart / Jürgen Kanold 28.06.2018

„Wofür früher die Fürstenhäuser sorgten, das kommt heute im Opernbetrieb zu kurz“,  sagt Jossi Wieler. Aber zum Ende seiner Stuttgarter Intendanz bringt er noch einmal eine Uraufführung heraus: „Erdbeben. Träume“ heißt das neue Werk des Japaners Toshio Hosokawa, das Wieler selbst mit Sergio Morabito inszeniert. Fast vier Jahre habe der Entstehungsprozess gedauert: „Aber es ist eine Verausgabung, die sich lohnt.“ Am Sonntag geht die Premiere über die Bühne (von Anna Viebrock).

Das Auftragswerk basiert auf Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ aus dem Jahre 1807, Büchner-Preisträger Marcel Beyer hat das „lyrisch verdichtete“ Libretto verfasst. Die Sprache Kleists könne man ja nicht direkt vertonen, sagt Wieler, „das ist eine durchkomponierte Musik für sich“. Erzählt wird die  Geschichte einer verbotenen Liebe in einer brutalen Welt: Ein Erdbeben verhindert, dass Josephe hingerichtet wird und dass Jeronimo sich selbst tötet. Eine kurze Zeit lang herrscht unter dem Eindruck einer Naturkatastrophe ein paradiesischer, klassenloser Zustand unter den Menschen – bis der Hass wieder ausbricht und ein Massaker auslöst. Nur der Sohn Philipp überlebt und ist in der Oper, dargestellt von einer Schauspielerin, ein stummer Protagonist. Von einem „hoch aktuellen“ Werk spricht Morabito: eine „Parabel auf unsere Zeit, auf eine krisenhafte Situation, die alte Ressentiments und Feindbilder reaktiviert und eine von Menschen gewollte Gewalt auslöst“.

Toshio Hosokawa stammt aus Hiroshima, seine Eltern erlebten den Atombomben-Horror, er selbst steht unter dem Eindruck von Fukushima – das habe seine Musik verändert, „sie ist lauter, grausamer“ geworden. Mit der Oper verarbeite er diese Erfahrungen, erzählt der 62-Jährige, der zu den Endproben nach Stuttgart gekommen ist und gut Deutsch spricht.  Das Erdbeben aber, sagt der Japaner, „steckt in uns, im Unterbewusstsein,  das ist nicht draußen“.

Der viel gespielte Komponist Hosokawa,  ein gefeierter Vertreter auch des zeitgenössischen Musiktheaters,  zuletzt mit „Stilles Meer“ (2016) an der Hamburgischen Staatsoper präsent, schreibt in einer klassischen Klangsprache, für einen mit großem Schlagwerk ausgestatteten Orchesterapparat. „Er hat so viel Fantasie, wir langweilen uns nicht“, schwärmt Uraufführungsdirigent Sylvain Cambreling von einer existenziellen, tatsächlich atmenden Musik.

Im April 2017 waren Wieler und sein Team nach Fukushima gereist, wo nach dem Erdbeben und dem Tsunami die atomare, von Menschen ausgelöste Katastrophe tiefe Spuren hinterlassen hat. Geisterdörfer in der Kirschblüte, ein gespenstischer Anachronismus: „Dort haben wir verstanden, was Hosokawa meint“, berichtet Jossi Wieler. Es sei sehr wichtig, dass diese Musik die Erinnerung an diesen modernen Sündenfall wach halte. „Diese Oper ist im wahrsten Sinne des Wortes erschütternd.“

Info „Erdbeben. Träume“ hat am Sonntag, 19.30 Uhr, Premiere. Weitere Aufführungen am 6., 11., 13., 18. und 23. Juli.

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