Oper Erbeben in Stuttgart

Stuttgart / Jürgen Kanold 03.07.2018

Ein schweres Atmen, auch ein geisterhaftes Flüstern erfüllt das Opernhaus: „Alles Verschüttete aufspüren mit beiden Händen vor dem Gesicht“, mahnt der Chor. Die Toten sind nah, allgegenwärtig. Wer jetzt Klarheit fordert über sein Schicksal und das seiner wahren Eltern, das ist ein stummes Kind: Philipp. Vielleicht ist es krank, verstrahlt. Es schlägt in seiner wehrlosen Wortlosigkeit mit den Fäusten um sich.

Damit beginnt die Erzählung: „Erdbeben. Träume“. So heißt das Musiktheater des japanischen Komponisten Toshio Hosokawa nach Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Es ist ein Auftragswerk, uraufgeführt am Sonntagabend unter großem Beifall. Und es war die letzte Premiere der Stuttgarter Ära Jossi Wieler – der Intendant selbst führte mit Sergio Morabito Regie. Kein Jubelstück zum Abschied, eher ein Requiem. Auf jeden Fall ein Zeitstück mit einer bitteren Diagnose: Dem Menschen genügen keine Naturkatastrophen für die Apokalypse, er selbst ist die noch größere Gefahr.

Das zeigen Wieler/Morabito im Bühnenbild von Anna Vie­brock selbstverständlich nicht plakativ oder banal politisierend, sondern ästhetisiert in einer szenischen Distanz, die Räume schafft für die Reflexion und für die Musik. Sie schockieren die Zuschauer nicht, sie rütteln sie auf, fordern sie; sie zeigen eindrückliche, auch blutige Menschenbilder aus einem Fukushima mit unbewohnbarer Betonödnis, aber es ist Oper, kein Video-Realismus. Es ist, so der Titel: ein Traum. Ein Albtraum.

 Fortwährend bebt, rumort es naturnah in Hosokawas Klangwelt, aber in feinsten Wellen und Farbschattierungen. „Erdbeben Tsunami“, „Leben“ und „Sterben“ heißen  drei beredte Orchester-Monologe. Das klassische Orchester spielt mit einem großen Schlagwerk-Apparat, auch aus der japanischen Tradition schöpfend. Die Chor-Masse agiert dominant, gefährlich. Tief verstört ist alle sängerische Befindlichkeit in Arien und Duetten.

Es ist keine brutalistische Moderne, Hosokawa ist ein empfindsamer Klangkünstler, die erzeugte Unruhe in seiner Oper kommt aus dem Inneren, und so hört man sie auch. Sylvain Cambreling, auch er verlässt Stuttgart nach dieser Saison, dirigierte am Vorabend seines 70. Geburtstags mit der Souveränität und Perfektion, die Neue Musik erst so faszinierend macht: eine großartige Uraufführung des Staatsorchesters. Vortrefflich auch das Ensembles um Esther Dierkes (Josephe) und Dominic Große (Jeronimo).

Das suchende Kind

Kleist schilderte 1807 in seinem dramatischen Stakkato und in opulenter Anschaulichkeit die Geschichte einer verbotenen Liebe – und fragte nach einem Gott in dieser furchtbarer Welt. Nachdem die ins Kloster gesperrte Josephe ihr Kind bei einer Fronleichnamsprozession gebiert, wird sie zum Tode verurteilt. Der darüber verzweifelte Jeronimo will sich in seinem Gefängnis erhängen. Doch dann bebt verheerend die Erde, die Naturkatastrophe löst eine friedvolle, ja paradiesische Nacht aus, das Idyll einer klassenlosen Gesellschaft. Josephe und Jeronimo finden sich wieder – um bald das Opfer zu werden einer aufgehetzten, mordenden Menge.

 Den „kleinen Fremdling“, so heißt es bei Kleist, nehmen Elvire (Sophie Marilley) und Fer­nando (André Morsch) zum Pflegesohn an. Das eigene Kind hatten sie verloren, erschlagen vom Mob. Philipp (die japanische Schauspielerin Sachiko Hara) als Trost? „So war es ihm fast, als müßt er sich freuen“. Aber Fernando kann es nicht. Es ist ein schwer beladener letzter Satz in Kleists Novelle. Marcel Beyer, der Librettist, hat dort angesetzt und dreierlei getan. Er hat nur den Stoff und das Personal genommen, verdichtet und ein ganz eigenes, poetisches Libretto geschrieben; dann hat er auch die Katastrophe in einer ungefähren sprachlichen Gegenwart verortet: „Ein Bierbike mit acht singenden Strohwitwen rollt durch die Fußgängerzone.“ Vor allem aber erzählt das Libretto diese aktuelle Geschichte aus der Perspektive des fragenden Philipp.

Auch deshalb erschüttert diese Oper: Weil die Katastrophe am Beispiel eines tief in der Seele verletzten Kindes ins Bewusstsein dringt. Philipp  weiß, wer die fremden, stillen Toten sind, die so gegenwärtig atmen.

Das Finale der Ära Jossi Wieler

Aufführungen Die Oper „Erdbeben. Träume“ steht noch am 6., 11., 13., 18. und 23. Juli auf dem Spielplan.

„Hochsaison!“ Zum Finale der Intendanz Jossi Wieler lädt die Oper Stuttgart zur nachmittäglichen Reihe „Hochsaison!“ ein, und zwar auf der „Opernterrasse“ am Schillerdenkmal vor dem Opernhaus. Auf dem Programm stehen  Gespräche und auch besondere Konzerte, etwa am 11. Juli, 17 Uhr, ein Auftritt des Staatsopernchors mit beliebten Opernchören.

Oper am See Live und kostenlos überträgt die Oper am 24. Juli, 18.30 Uhr, Vincenzo Bellinis „Die Puritaner“ nach draußen in den Schlossgarten auf eine LED-Videogroßbildwand.

„Verwandlungen“ In einem Prachtband mit langen Bildstrecken, vielen Interviews und Essays dokumentiert und reflektiert die Oper Stuttgart die sieben Spielzeiten unter Intendant Wieler: „Verwandlungen“. Das von Sergio Morabito herausgegebene Buch ist bei avedition erschienen (524 Seiten, 49 Euro),

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