„Die Hungrigen und Satten“ Er ist wieder da: Timur Vermes neuer Roman

Ulm / Magdi Aboul-Kheir 27.08.2018

Er ist wieder da.“ Sagt der TV-Programmdirektor, als ein Mitarbeiter in den Konferenzraum zurückkehrt. „Er ist wieder da“, das war der Bestseller, den Timur Vermes vor sechs Jahren landete. Damals ließ er Adolf Hitler in der Gegenwart auftauchen. In seinem neuen Roman „Die Hungrigen und die Satten“ hat er sich eine viel realistischere, aber nicht weniger krasse Geschichte ausgedacht. Das Zitat seines Erfolgstitels ist ein harmloser Witz. Harmlos ist der Vermes‘ zweiter Roman, der am Montag erscheint, aber nicht.

Worum geht es?

Das Buch spielt ein ganz klein wenig in der Zukunft. Nagelsmann ist Bayern-Trainer, Merkel nicht mehr Kanzlerin, sonst hat sich kaum etwas geändert. Nur in der Flüchtlingsfrage. „Als die Menschen in die Boote stiegen, hat Europa versucht, das Mittelmeer zu schließen. Und nachdem Europa gemerkt hatte, dass man ein ganzes Meer nicht schließen kann (. . .), haben sie die Grenze wieder aufs Festland verlegt, aber diesmal nach Afrika.“ Den Nordafrikanern jedoch hat das auch nicht gefallen, also haben die Europäer nochmal Geld in die Hand genommen „und südlich der Sahara die nächste Linie gezogen“.

Dort ist ein Riesenlager entstanden, mehr als zwei Millionen Menschen im staubigen Nichts. Schlepper kann sich keiner mehr leisten, die verlangen astronomische Summen. So kommt ein Flüchtling, der später aus absurden Gründen Lionel genannt werden wird, auf eine simple Idee. Geld hat er kaum, „aber ich habe jede Menge Zeit. Ich sitze seit eineinhalb Jahren hier. Wenn ich jeden Tag nur zehn Kinometer gelaufen wäre, dann wäre ich fünftausend Kilometer weiter.

Auftritt Nadeche Hackenbusch: ein Zimtzicke, die sich in Deutschland von Casting-Shows zur Star-Moderatorin hochgearbeitet hat, Human-­Touch-Dokus in Flüchtlingsheimen dreht. Sie ist so ignorant wie überheblich, weiß aber: „Man kann nicht alles haben, Falten und Botox“.

Warum nicht einfach loslaufen?

Ihr Sender MyTV will sie zu einem Special ins Flüchtlingslager nach Afrika karren, und trotz Bedenken macht sie mit, denn dann wäre sie „die neue Margarethe Schreinemakers, aber mit der Ausstrahlung von Angelina Jolie“. Sie tritt als „Engel aus Deutschland“ auf, macht mit Flüchtlingen Modeshootings, verteilt BHs, castet junge Männer für die Show – so finden Nadeche und Lionel zueinander.

Die Sendung hat tolle Quoten, zumal als sich Nadeche und Lionel näherkommen. Wenn auch als ungleiches Paar: Sie will mit ihm im Lager bleiben, er will mit ihrer Hilfe nach Deutschland.

Nadeche merkt auf ihre verquere Art, dass es tatsächlich um Schicksale geht. Und dann nehmen sie Lionels Idee  auf. Sie laufen einfach los. 150.000 Menschen. Wie das geht? Jeder Flüchtling  zahlt am Tag fünf Dollar, per Smartphone, und mit dem Geld und den Verbindungen eines patenhaften Drahtziehers entsteht eine bestechend simple organisatorische Struktur mit Trucks, mit Wasser, Essen und Strom. Es funktioniert, staunt der BND, weil diese Menschen, das bisschen, was sie haben, auf unerwartet effiziente Art und Weise nutzen.

Mit Bestechung kommen sie über jede Grenze, und sie werden immer mehr. 200.000. 300.000. Im deutschen Innenministerium schrillen die Alarmglocken, die Flüchtlingsproblematik könne von neuem losgehen. Afrika ist weit? „Solange die die richtigen Leute zum Bestechen finden, sehe ich nicht, wie das Modell angesichts dieser maroden Staaten schnell scheitern soll“, erkennt der BND-Fachmann. 

Die Geschichte gewinnt an Eigendynamik, Nadeches Sendung wird zum größten Live-TV-Melodram der Welt, Pegida und rechtsextreme Bürgerwehren erstarken erneut. „Statt Spendengeld und Sojamehl: Mauerbau und Schießbefehl!“, skandieren sie.

Eigentlich kann dieser 50 Kilometer lange Flüchtlingszug doch nicht durch den Nahen Osten. Was ist mit Israel? Der Türkei? Es finden sich Lösungen, und die Flüchtlinge marschieren mit der Entschlossenheit von Menschen weiter, die eh nichts mehr zu verlieren haben.

Die Satire funktioniert

Wie dieser Irrsinn ausgeht, darf hier nicht verraten werden. Aber wie Vermes‘ Geschichte als gesellschaftspolitische und mediale Satire funktioniert, ist „Er ist wieder da“ sehr ähnlich – böse, ätzend, aber eben, wie jede gute Satire, im Kern wahr.

Vermes nimmt mediale Mechanismen, innenpolitische Strategiespiele und außenpolitische Heucheleien aufs Korn. So viele Pfeile, wie er abschießt, können gar nicht ins Ziel gehen, aber es sind doch staunenswert viele Volltreffer dabei. Ja, Vermes verirrt sich auch mal in Geschmacksuntiefen, aber „Die Hungrigen und die Satten“ ist so ein Buch, das einen mal wieder Tucholsky zitieren lässt: „Was darf Satire? Alles!“

Das Personal? Da gibt es dumpfe Unionspolitiker, aber auch einen CSU-Innenminister, der den Deutschen schließlich – ohne Populismus – reinen Wein einschenkt und dafür die Quittung bekommt. Daneben steht ein gelackter, karrieristischer Staatssekretär, der weiß: „Geld kann man immer beschaffen. Eine Bevölkerung, die Flüchtlinge akzeptiert, nicht.“ Garniert wird das mit Sozen, denen es unendlich schwer fällt, „das grauenhafte Geschwafel der Genossen an der Basis anzuhören“, und Grüne, die mit Porsche und Jeep umherdüsen.

Genüsslich wird auch der Medienbetrieb karikiert. Da ist natürlich die TV-Nulpe Nadeche, die sich als Jeanne d’Arc des Privatfernsehens inszeniert. Begleitet wird sie von der herrlich doofen Zeitschriften-­Journalistin Astrid von Roelle, die ganz viel ganz tollen Qualitätsjournalismus absondert, „total exklusiv, eigentlich sogar exclusiv, mit c“. Die schreiend komischem Reportage-Parodien sind ein humoristischer Höhepunkt des Buchs.

Dazu bekommt man Einblick in einen TV-Sender, in dem es genügend Leute gibt, „die zwar vorauseilenden Gehorsam mitbringen, deren Gehorsam aber in Richtungen vorauseilt, die kein Mensch brauchen  kann“. Aber alle wissen:  „Es ist nicht das Leben, das die besten Geschichten schreibt, es ist das Fernsehen.“

Vermes selbst zum Roman

Natürlich sei sein Roman eine Fiktion, schreibt Vermes in einer Vorbemerkung. Und selbst wenn es so komme, wie er es sich ausmalt, könnten sich die Menschen ganz anders verhalten. „Es ist nur nicht wahrscheinlich.“

Timur Vermes spinnt diese Geschichte grimmig und krass konsequent weiter, spitzt sie ungeheuerlich zu. Das Lachen bleibt einem in diesem Buch tatsächlich irgendwann im Halse stecken.

Der Erstling war ein Riesen-Erfolg

Timur Vermes, 1967 in Nürnberg geboren, studierte Geschichte und Politik und arbeitete dann als Journalist für Boulevardzeitungen. Sein erster Roman, die Gesellschafts- und Mediensatire „Er ist wieder da“, in dem er Adolf Hitler heute in Berlin aufwachen lässt, wurde ein Riesenerfolg. Das Buch wurde mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft und in 41 Sprachen übersetzt. Die kongeniale Verfilmung sahen 2,4 Millionen Menschen im Kino.

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