Edwin-Scharff-Museum Emil Orliks zarter Blick aufs fremde Japan

Neu-Ulm / Claudia Reicherter 12.10.2018

Klischees kollidieren manchmal hart mit der Wirklichkeit. Der Kulturschock fällt dann anders aus als erwartet. Nicht erst in Zeiten von Fake News und digitaler Fotoretusche. Diese Erfahrung hat auch schon der später in Wien und Berlin lebende Prager Künstler Emil Orlik gemacht, als er am 25. April 1900 nach einer beschwerlichen, rund sechswöchigen Reise in Japan ankam.  Seine unrealistische Erwartungshaltung basierte einerseits auf inszenierten Fotografien sowie schwärmerischen Berichten, die eine manipulierte Wirklichkeit wiedergaben. Und andererseits auf dem zunehmenden Einfluss westlicher Kultur auf das Land, das zwischen den 1630er Jahren und 1853 komplett abgeschottet gewesen war, der die dortige Realität tatsächlich veränderte.

So stellte sich schon in den 1870er Jahren die Frage, was können wir für bare Münze nehmen?, erklärt Helga Gutbrod, die im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum nun ein halbes Jahr nach der Wiedereröffnung schon die dritte Kunstausstellung eröffnet: „Wie ein Traum! Emil Orlik in Japan.“ „Orlik regt sich furchtbar über die Fotografen auf“, berichtet die Museumschefin, die diese Ausstellung über einen Mann, der dem grassierenden Japonismus seinen ganz eigenen Stempel aufdrückte, aus einem langgehegten Wunsch heraus kuratierte – „weil ich ihn großartig finde“. Und weil sie für das Edwin-Scharff-Museum 2014 schon die 1904 erschienene Mappe „Aus Japan“ mit 15 Blättern Emil Orliks (1870-1932) ersteigern konnte, die nun nach einem Berlin-Ausflug erstmals im eigenen Haus zu sehen sind.

Er lernt, aber kopiert nicht

„Er sagt, das sei alles gelogen. Deshalb waren so viele Reisende erstmal enttäuscht.“ So erging es auch dem in München ausgebildeten Böhmen zunächst. Vor allem in der Hauptstadt Tokio. Doch Orlik hatte Zeit, zehn Monate nahm er sich, um das fernöstliche Land zu erkunden und dort die Technik der Holzschnitzer – und die Sprache – zu lernen.

17 Stationen sind auf einer Karte in der Ausstellung verzeichnet. Und als das Mitglied der Wiener Secession im Juni auf dem Land ankam, da erschien auch ihm Japan „wie ein Traum“: „Fünf Wochen lang ist er ohne Führer oder Dolmetscher an Orte gewandert, wo seit Jahren kein Westler mehr war“, berichtet Helga Gutbrod.

Dennoch: „Er wird kein Japaner!“ Emil Orlik war zwar in das durch Maler des französischen Impressionismus und Künstler des Jugendstils vielgerühmte Land der aufgehenden Sonne gereist, weil ihm deren Bilder und das Studium exotischer Objekte auf den Weltausstellungen nicht genügten. Er wollte selbst sehen und die Technik direkt von den Meistern vor Ort erlernen. Und seine von dort mitgebrachten Arbeiten – neben Holzschnitten zeigen vier der sechs Räume auch Lithografien, Radierungen und Skizzen – sind vielfach von Vorbildern wie Utagawa Hiroshige oder Katsushika Hokusai beeinflusst. Aber eben nicht nur.

Helga Gutbrod erläutert das anhand von „Eine Straße in Tokio“, die den mehr als 65 Werke umfassenden Rundgang nach dem Deckblatt der wertvollen, schon vor 115 Jahren auf 50 Exemplare limitierten Mappe eröffnet. Auf japanische Einflüsse gehen etwa die Silhouette der Kiefer und die unmodellierten Farbflächen zurück. Auch zum Teil kühne Formate und angeschnittene Szenen sind typisch japanisch, wie ein Raum mit wunderbaren Drucken der großen Vorbilder, atmosphärisch ergänzt durch einen echten Kimono und einen Samurai-Helm, zeigt. Aber auf einem japanischen Druck gäbe es keine Schatten.

Als Motiv würde ein japanischer Künstler eine Sehenswürdigkeit wie ein Kloster oder den Mount Fuji wählen, keine schlichte Straßenszene. Und es handelt sich bei dem Blatt von 1900 auch nicht um einen Holzschnitt, sondern um eine Farblithografie. „Er wollte unbedingt diese Technik kennenlernen, aber fand dann wohl, es sei nicht seine Technik.“

Wanderarbeiter des Holzschnitts

Die Mischung aus Aneignung und Eigenständigkeit macht die Faszination dieses von Secessionskollegen als „Wanderarbeiter des japanischen Holzschnitts“ bezeichneten Künstlers aus, der nach seiner Rückkehr 1905 als Professor und Leiter der Grafik-Klasse an die Staatliche Lehranstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums berufen wurde, wo später Scharff sein Kollege wurde: Er schildert die Alltagswelt.

Frauen, die ganz beiläufig mit ihren Kindern umgehen, Geishas nicht in verführerischer Pose, sondern in Kontemplation versunken – „Er inszeniert nicht, schwärmt nicht, sondern zeigt, als wollte er sagen, so sieht’s aus“, sagt Helga Gutbrod. „Und dabei diese Frische! Als würde die Frau gleich aufstehen.“ Dazu kommen Orliks Blick für ausgewogene Bildkompositionen und seine für die damalige Zeit in Deutschland ungewöhnlich helle Farbigkeit.

Damit der Besucher vergleichen kann, setzt sie Emil Orliks Arbeiten – auch jene, die bei einer zweiten Asien-Reise zehn Jahre später entstanden – in mit Haikus apostrophierten Räumen nicht nur echte Japaner wie Hiroshige, Yoshikazu oder Maborishi entgegen. Sondern zeigt in einem Raum auch die von Orlik so verabscheuten japanfiebrigen Artifizierer: bis hin zu den gestellten Fotografien des Österreichers Raimund Stillfried von Rathenitz aus den 1870er Jahren.

Heute Eröffnung mit Bambusfllöten

Termine „Wie ein Traum! Emil Orlik in ­Japan­“ wird heute, Freitag, 19 Uhr, von Kuratorin und Museums­leiterin Helga Gutbrod sowie OB Gerold Noerenberg eröffnet, die Gruppe Komuso-Zen-­Shakuha­chi Daijifû spielt dazu auf japanischen Bambusflöten. Nächste Führungen: 21. 10., 4./18. 11., 2./16. 12., 11.30 Uhr.

Infos Die Ausstellung im 1. Stock des Kunstmuseums ist bis 10. Februar zu sehen: Edwin-Scharff-­Museum, Pe­trus­­­platz 4, Neu-Ulm. Geöffnet: Di/Mi 13-17, Do/Fr 13-18, Sa/So 10-18 Uhr. Näheres: Tel. (0731) 70 50 25 55, www.edwinscharffmuseum.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel