Stockholm/New York Elektronische Selbstporträts

Die amerikanische Künstlerin Miranda July sieht E-Mails als aufschlussreiche Selbstporträts. Foto: dpa
Die amerikanische Künstlerin Miranda July sieht E-Mails als aufschlussreiche Selbstporträts. Foto: dpa
Stockholm/New York / CHRISTINA HORSTEN, DPA 04.09.2013
Die Überwachungsaffäre um den US-Geheimdienst NSA macht Schlagzeilen. Künstlerin Miranda July erklärt das Lesen fremder E-Mails zur Kunst.

Kirsten Dunst träumte von einem Hotel, einer Schulabschlussfeier und einer Schlägerei zwischen zwei Jungs - wild durcheinander. An einem Mittwoch im Juni 2010 um 4.52 Uhr berichtete die US-Schauspielerin einer gewissen "s" davon per E-Mail. Lena Dunham quälte ein Albtraum, in dem sie ihre eigene Mutter umbrachte. Danach verbrachte die Schauspielerin den Rest des Tages mit Freunden in Connecticut, von wo aus sie um 20.08 Uhr einem Bekannten namens Mike per E-Mail von dem Traum erzählte. "Ich vermisse dich schrecklich", schrieb Dunham und beendete die E-Mail mit den Worten "hab dich lieb".

In Zeiten von Bespitzelungsaffären rund um den US-Geheimdienst NSA läuten da alle Alarmglocken. Aber die Informationen stammen nicht aus Überwachungsprogrammen, sondern wurden mit Zustimmung der Absender veröffentlicht. Mehr noch: Die E-Mails sind Kunst, sagt Miranda July. Die 39-Jährige ist Schauspielerin, Regisseurin, Schriftstellerin und Künstlerin. In Deutschland wurde sie durch Filme wie "Ich und du und alle, die wir kennen", sowie den Kurzgeschichtenband "Zehn Wahrheiten" bekannt.

Und jetzt also fremde E-Mails. "Ich habe schon immer versucht, meine Freunde zu überreden, dass sie mir E-Mails weiterleiten, die sie anderen Menschen geschickt haben - ihrer Mutter, ihrem Freund, ihrem Agenten, je alltäglicher, desto besser", sagt July. "Wie sie sich darin verhalten, ist so intim, fast schon obszön - ein Einblick in diese Menschen aus ihrer eigenen Perspektive."

Zehn mehr oder weniger Prominente haben eingewilligt, bei dem Projekt "We Think Alone" (Wir denken allein) mitzumachen. Neben Dunst und Dunham sind dies der frühere US-Profi-Basketballer Kareem Abdul-Jabbar, die kanadische Schriftstellerin Sheila Heti, der israelische Filmemacher Etgar Keret, die Designerinnen des Labels "Rodarte", Kate and Laura Mulleavy, die US-Fotografin Catherine Opie, der Physiker Lee Smolin und der dänisch-vietnamesische Künstler Danh Vo. Sie alle haben July Auszüge aus E-Mails weitergeleitet, die sie geschrieben haben. July hatte zuvor Themen vorgegeben - Kunst, Barack Obama, Träume, Mütter.

Unterstützt wird das Projekt von der Stockholmer Ausstellungshalle "Magasin 3", aber zu lesen gibt es die E-Mails dort nicht. July hat nichts ausgedruckt, sondern verschickt immer montags 20 Wochen lang Zusammenstellungen der E-Mail-Auszüge an Neugierige, die sich auf der Webseite des Projekts angemeldet haben. Rund 100 000 Empfänger gebe es, sagt Sprecher Tyler Mahowald. Das Projekt geht bis Mitte November.

Die E-Mail-Empfänger konnten erfahren, dass Lena Dunham einer gewissen "K" einen Mann ausredete. "Er ist nicht nett. Er sagt nicht nette Dinge mit einer netten Stimme, so dass sie nett klingen, aber sie sind es nicht", schreibt die Entwicklerin der Serie "Girls". Meist schreiben die Promis unterhaltsame Belanglosigkeiten, manchmal können sie zum Thema gar nichts beitragen. "Kirsten Dunst konnte keine E-Mail finden, in der sie Ratschläge erteilt", heißt es dann etwa.

July sieht im Lesen der E-Mails einen tieferen Sinn. Die Dokumente seien Selbstporträts. "Zum Guten oder zum Schlechten haben sie die Art und Weise verändert, wie ich diese Menschen wahrnehme. Ich glaube, ich kenne sie jetzt wirklich."