Kunst Einstein: Rote Furchen auf der Stirn

Ulm / Jürgen Kanold 17.08.2018

Hundertfach stand er jüngst auf dem Münsterplatz herum: Albert Einstein, geschrumpft und geklont zu Figuren Ottmar Hörls. Das in Ulm geborene Jahrhundertgenie Einstein war freilich schon zu Lebzeiten ein Popstar, unendlich oft fotografiert und porträtiert. Wer jetzt im Hamburger Ernst Barlach Haus die Ausstellung „Josef Scharl  – Zwischen den Zeiten“ besucht oder sie zuvor schon im Paula Modersohn-Becker Museum in der Bremer Böttcherstraße gesehen hat, der staunt gleich mehrfach über Einsteins in Öl.

Josef Scharl? Das war ein in der Zwischenkriegszeit sehr angesehener, gesellschaftskritischer Maler, den die Nationalsozialisten 1935 mit einem Ausstellungsverbot belegten, der 1938 in die USA auswanderte – und heute fast vergessen ist. Der 1896 in München geborene Sohn eines Gärtners war ein Vertreter der Neuen Sachlichkeit, aber auch ein Expressionist, der offensichtlich und sehr farbig Vincent van Gogh verehrte. Und er war ein enger Freund Albert Einsteins, den er schon 1927 in Berlin malte.

Die späten 20er, die frühen 30er Jahre waren  Scharls große Bühne. „Blinder Bettler im Café“ heißt ein Großformat von 1927: Am Tisch sitzen Literaten wie Hans Fallada und Politiker wie Lenin, heruntergekommene Gestalten wie Karl Valentin werden vom Oberkellner, der als Adolf Hitler zu erkennen ist, des Saals verwiesen. Auch der entsetzte „Zeitungsleser“ (1935) klagt die politischen Ereignisse an.

Deutschland am Abgrund: Als Scharl emigriert, bürgt der in Princeton lehrende Nobelpreisträger Einstein für seinen US-Einbürgerungsantrag. 1952 entsteht noch einmal ein Porträt des Physikers: extrem bunt, fast skulptural gemalt, rote Furchen etwa auf gelber Denkerstirn.

Dieses Gemälde ist eine Leihgabe der Kunsthalle Emden, die fast 60 Arbeiten des Künstlers besitzt. Die Emder rücken ihn gleich neben Max Beckmann: „Ihre Werke spiegeln eine brüchig gewordene und von Konflikten durchzogene Welt.“

Als Josef Scharl am 6. Dezember 1954 in New York stirbt, wird auf seiner Beerdigung eine Totenrede Albert Einsteins verlesen: „Alles an ihm war echt, ursprünglich und unverdorben. Er sah durch die Tragik und durch die Abgründe dieser Menschenwelt. Er litt darunter so stark wie selten einer, aber nichts vermochte ihn dauerhaft niederzudrücken. Nie war er einem schwächlichen Kompromiss zugänglich, weder als Künstler noch als Mensch.“

Die hoch spannende Scharl-Ausstellung läuft noch bis Mitte Oktober im Hamburger Barlach-Haus, dann zieht sie im Mai nächsten Jahres weiter nach Bernried an den Starnberger See, ins Buchheim Museum. Albert Einstein besser kennenlernen durch seine Freunde und Gefährten: Josef Scharl wäre gewiss auch eine Entdeckung für Ulm beziehungsweise Neu-Ulm, wo das Scharff-Museum ein besonderes Auge für solche Künstler hat.

Die Geschichte von Mileva Maric

Roman „War Albert Einsteins erste Frau Mileva Maric das eigentliche Genie in der Familie?“ Mit dieser rhetorischen Frage wirbt Kiepenheuer & Witsch für den Roman der amerikanischen Autorin Marie Benedict: „Frau Einstein“. Es ist die aus der Ich-Perspektive erzählte Geschichte der Serbin, die als erste Frau 1896 am Zürcher Polytechnikum studieren darf. Dort verliebt sie sich in Einstein: Sie arbeiten an der Relativitätstheorie, doch als sie schwanger wird, sorgt Einstein dafür, dass er allein die Anerkennung für ihre Arbeit erfährt.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel