Es ist ein Höllen-Trip durchs Sex-Business im deutschen Osten der Nachwendezeit. Wir sehen ausgebrannte Kommissare, abgeranzte Zuhälter, coole Huren. Wir blicken in Puffs und Hinterzimmer, hören den Orpheus-Mythos und das biblische Hohelied der Liebe. Die Regie blendet altmeisterliche Gemälde ein, Inferno-Panoramen wie bei Hieronymus Bosch. Und immer wieder tönt es aus dem Off: Chöre, Techno, Orgelgebraus oder gar Wagner-Sound. Besonders eindrücklich: das Wummern einer heranrückenden Sturmkatastrophe.

Clemens Meyers Rotlichtroman "Im Stein" erzählt auch von Krieg und den "Legierungen der Macht und des Geldes". In Stuttgart wirkt er wie großes Kino, wie große Oper. Regisseur Sebastian Hartmann nimmt uns mit auf seine eigenwillige Reise durch dieses hochgelobte, teils umstrittene 550-Seiten-Werk, das mit inneren Monologen und Bewusstseinsströmen arbeitet.

Hartmann macht daraus am Schauspiel Stuttgart nun kein (Un-)Sittengemälde, das sich realistisch geriert, sondern setzt auf Distanz. Auf der Bühne sehen wir keine Menschen, sondern nur einen rotierenden Riesenkubus, der uneinsehbar bleibt. Nur selten gibt er Einblicke in ein Eros-Center frei. Dort agieren die Schauspieler, unsichtbar, ein Filmteam dreht mit. Dieses Live-Video läuft in XXL-Größe auf der Kubuswand. Wir sehen nur Projektionen, die den Akteuren nah zuleibe rücken - aus einem Reich, das uns verborgen bleibt. Eine starke Idee. Doch trägt sie?

Etwa die Hälfte der Zuschauer wandert bis zur Halbzeit ab. Hartmanns Zugriff wirkt zwiespältig. Es gibt ungeheuer intensive Momente. Doch die heillos überladene Film-Ästhetik beginnt irgendwann zu nerven. Phasenweise ist es eine wilde Reise in die Nacht. Der Regisseur hält Abstand zum Roman, die Schauspieler verkörpern oft mehrere Rollen. Rotlicht-Gemütlichkeit mit knorrigen Typen und tapferen Huren gibt es bei ihm nicht, ebensowenig Voyeurismus oder romantisierte Bordell-Exotik. Stattdessen verstärkt er das rasende Stimmengewirr des Romans und erzählt eine Passionsgeschichte leidender und leerer Seelen.

So erfahren wir zwar viel über die Befindlichkeit der Milieu-Typen, umsorgt von schmiegsamen Huren: Etwa wenn ein überforderter Kommissar (Manuel Harder) zu seiner Lieblings-Prostituierten (Abak Safaei-Rad) flieht, die ihn trotz Migrationshintergrund mit warm gesächseltem "mein Gutster" tröstet. Doch erst spät kommen Prostituierte wirklich zu Wort über Job, Leben und Gewalt. Dabei gelingen der Regie beklemmende Szenen - so, wenn minderjährige Zwangsprostituierte ihre Situation mit Comic-Geschichten zu vergessen versuchen. Den schmierigsten Kerl darf Holger Stockhaus spielen: Sein dröhnlachender Radiomoderator Ecki verabreicht "Tipps für geile Stunden" - von "türkischem Honig" bis zu "Blumen aus Hanoi", kurz: "Fick Dir Deine Meinung!" Dann wieder darf Stockhaus einen quietschfidelen Trenchcoat-Ermittler geben.

Was bleibt? Sebastian Hartmann, der auf den Spuren Frank Castorfs wandelt, hat Meyers Roman zu einer Vier-Stunden-Apokalypse verschärft. Er brezelt den Stimmenchor zum überfrachteten Filmepos auf - mit Gebrüll und Blut, mit Techno und Wagner-Wahn. Neben packenden Augenblicken gibt es auch solche an der Schmerzgrenze. Doch irgendwann dreht sich Hartmanns Inszenierung nur noch quälend im Kreis. Im halb leeren Haus: Beifall und beharrliche Buhs. Ach ja: Auch Autor Clemens Meyer lässt sich blicken, umarmt den Regisseur und reckt begeistert beide Daumen.

Info Weitere Termine: 22. April, 3., 10. und 21. Mai.