Die Clubs der englischen Premier League werben mit Millionen-Offerten viele Fußballer der deutschen Bundesliga ab. Jetzt meldet auch der Kulturbetrieb gewissermaßen einen Top-Transfer: Der 53-jährige Hartwig Fischer aus Dresden übernimmt den Chefposten des British Museum in London. Eine Ablösesumme ist in diesem Falle zwar nicht im Spiel, aber eine gehörige Portion Ruhm und Ehre: Das British Museum gehört zu den größten und bedeutendsten kulturgeschichtlichen Museen weltweit und verbuchte vergangenes Jahr rund 6,7 Millionen Besucher. Auch es ist das erste Mal in fast 200 Jahren, dass ein Ausländer dieses Nationalheiligtum führen wird.

Das englische Königshaus ist ja traditionell eng mit Hannover verbunden, aber neuerdings pflegen die Briten offenbar auch sehr gute Beziehungen nach Sachsen: 2011 erst wechselte Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen zu Dresden, nach London, um fortan das Victoria and Albert Museum zu leiten. Und jetzt verlässt auch Roths Nachfolger Fischer das sächsische Elbflorenz, um die Karriereleiter an der Themse weiter hochzuklettern. Diese Personalien sagen aber auch etwas aus über die Qualität der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden: 14 Museen gehören dazu, darunter die weltberühmte Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau des Zwingers (mit der "Sixtinischen Madonna" Raffaels) und das Grüne Gewölbe im Residenzschloss. Also das ist schon eine weltweite anerkannte Adresse, wenngleich Dresden zuletzt wegen der Pegida-Bewegung gelitten hat in der Gunst der internationalen Touristen.

Hartwig Fischer, der erst seit dreieinhalb Jahren als Generaldirektor in der sächsischen Landeshauptstadt arbeitet und zuvor das Essener Museum Folkwang leitete, engagiert sich mit Vehemenz im Bündnis "Dresden für alle". Er rief in einer große Rede zum Kampf für Vernunft und Menschlichkeit auf und dazu, mit Neugier auf andere Kulturen, auf andere Denkweisen einzugehen: "Die Kulturen der Welt sind in dieser Stadt zu Hause."

In London sind sie es erst recht. Das British Museum besitzt rund acht Millionen Exponate, darunter ägyptische Mumien, den Rosetta-Stein, Teile aus dem griechischen Parthenon-Fries und sowieso Objekte aus allen Kulturen dieser Welt. Auch aus Deutschland, darunter nicht zuletzt eine Sammlung wertvoller Bierkrüge aus vielen Jahrhunderten.

Es sei eine "hohe Auszeichnung und Ehre", das British Museum zu leiten, erklärte Fischer gestern in einer Mitteilung des sächsischen Kunstministeriums: "Dieses ,Museum der Welt für die Welt' hat mit seinen unvergleichlichen Sammlungen wie kein anderes die Herausforderung der Kultur unter den Bedingungen der Globalisierung angenommen."

Stichwort Globalisierung: Es ist schon eine Pointe, wenn dann ausgerechnet der Schotte Neil MacGregor, der noch bis Jahresende das British Museum leitet und dort 2014 einen Riesenerfolg mit der Ausstellung "Deutschland - Erinnerungen einer Nation" feierte, jetzt von London nach Berlin geht, um als Gründungsintendant des Humboldt-Forums ein Haus der Weltkulturen aufzubauen.

Überhaupt sticht die Internationalität in den Chefetagen der Top-Museen ins Auge: Eike Schmidt geht zu den Uffizien nach Florenz, Cecillie Hollberg leitet dort bald die Galleria dell'Accademia, während der Belgier Chris Dercon von der Londoner Tate Gallery of Modern Art in Berlin die Intendanz der Volksbühne übernimmt. Dercon war zuvor der Direktor des Münchner Hauses der Kunst, das derzeit der Nigerianer Okwui Enwezor leitet.

Gefragt sind auch nicht allein Kunstverstand, sondern Manager-Qualitäten. Und versierte Bauherren sollten die Museumsdirektoren ebenso sein. Hartwig Fischer etwa machte sich am Essener Folkwang einen Namen, wo er 2006 den Chefposten übernahm und eben nicht nur viel beachtete Ausstellungen kuratierte, sondern den Museumsneubau vorantrieb. Die elegante Folkwang-Erweiterung des englischen Architekten David Chipperfield wurde aus Anlass des Europäischen Kulturhauptstadtjahrs "Ruhr 2010" eröffnet - und Hartwig Fischer zog bald weiter nach Dresden. Jetzt also London: Aber immer geht es dem gebürtigen Hamburger um das "global citizenship", das Weltbürgertum. Nationalistische Museumskultur ist ewig gestrig.

Mehr als nur Klassische Moderne

Zur Person Hartwig Fischer, Jahrgang 1962, wuchs in Hamburg auf. Er studierte in Bonn, Rom, Paris und Berlin. 1994 promovierte er über den Dresdner Maler Hermann Prell, danach begann im Kunstmuseum Bonn seine Karriere. 1993 wechselte er ins Kunstmuseum Basel, er war dort Kurator der Sammlung 19. Jahrhundert und Klassische Moderne. 2006 wurde er Direktor des Museums Folkwang, 2012 Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.