Musik Eine Begegnung mit Ralf Hütter von Kraftwerk

Dresden / Gunther Hartwig 14.02.2018
Als Teenager sind sich unser Autor und der Musiker Ralf Hütter oft begegnet. 50 Jahre später gab es ein Wiedersehen.

Im Lichthof des Albertinums, der sonst die Skulpturen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beherbergt, stehen vier Männer im reiferen Alter auf der Bühne, jeder an einem Computer-Terminal. Ihre Einheitskluft ist ein hautenger Overall in Schwarz mit weißem Gittermuster. Das Quartett regelt und mischt mit sparsamen Handbewegungen Rhythmen, Klänge, Stimmen. Auf der Leinwand erscheinen Bilder, Filmsequenzen, Grafiken. Der Sound und die Animationen werden per Laptop verwoben zu einer Multimedia-Performance, einem Hybrid unterschiedlicher Kunstgattungen.

Das Publikum hat weiße 3-D-Brillen auf der Nase. Plötzlich fliegt eine Untertasse aus dem Orbit vor der barocken Altstadtkulisse Dresdens auf die Zuschauer zu; Eltern mit ihren Kindern, junge Leute, mittlere und fortgeschrittene Jahrgänge raunen. Einige nicken mit dem Kopf, andere wippen im Takt der Musik. Dann geht der Vorhang zu. Kurze Umbaupause. Die Spots leuchten auf. Vier lebensgroße Puppen in roten Hemden haben die Bandmitglieder abgelöst: „Wir sind die Roboter“, so hallt es aus den Surround-Lautsprechern.

Beim Finale übernehmen Ralf Hütter, Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen wieder selbst das Kommando hinter den Pulten. „Kraftwerk“ präsentiert sich als audiovisuelle Mensch-Maschine und seine Hits als Soundtrack des digitalen Zeitalters: „Autobahn“, „Radio-Aktivität“, „Trans Europa Express“, „Computerwelt“, „Das Model“, „Tour de France“. 6000 Karten für vier Konzerte an zwei Abenden am Elb­ufer waren schnell ausverkauft. Weiter geht es ostwärts: 15 Auftritte in drei Wochen, von St.Petersburg und Moskau bis Sofia und Bukarest. Am 20. Juli gastiert die Elektro-Combo bei den „Jazzopen“ auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

Gerade erst hat „Kraftwerk“ für seine aktuelle CD-Box „3-D Der Katalog“ in New York den Grammy ergattert, in der Kategorie „Best Dance/Electronic Album“. Schon 2014 bekam Ralf Hütter (71), Gründer und Mastermind der Gruppe, den Musik-Oscar für sein Lebenswerk. Seither steht der Komponist und Texter in einer Reihe mit Igor Strawinsky, Marvin Gay, Ray Charles und Little Richard. Die „New York Times“ rühmte die Pop-Pioniere aus Deutschland als „Beatles der elektronischen Tanzmusik“.  Unbestritten ist der Einfluss der „Fab Four from Germany“ auf die Anfänge von Hip­Hop und Techno. In den USA und Frankreich genießt „Kraftwerk“ Kultstatus. In die internationale Musikgeschichte werden sie als Ikonen eingehen.

Rückblende: Krefeld in den 1960er Jahren. Ralf Hütter wächst in der niederrheinischen Großstadt als wohlerzogener Sohn aus gutem Hause auf. Sein Vater ist Prokurist im mittelständischen Maschinenbauunternehmen des Oberbürgermeisters und Gesamtmetall-Präsidenten Herbert van Hüllen (CDU). Ralf Hütter ist klug und vielseitig begabt, er spielt mehrere Instrumente und ein elegantes Tennis. Frederic, Austauschschüler aus Frankreich und bis heute ein enger Freund, sagt damals: „Ralf spricht besser Französisch als ich.“ Hütter tritt in mehreren Jugendbands auf, ehe er 1970 zusammen mit Florian Schneider „Kraftwerk“ gründet. Fortan ist sein „Kling Klang Studio“ in Düsseldorf die experimentelle Werkstatt für Musik von einem anderen Stern, hier ist Hütters „kleine Elektrofirma“ zu Hause, die seither alle Alben selbst produziert.

„Darf ich Du sagen?“

Nun also die erste Wiederbegegnung mit Ralf Hütter nach einem halben Jahrhundert. Das Gespräch findet zwischen zwei Konzerten in der Bibliothek des Albertinums statt. Freundliche Begrüßung („Darf ich Du sagen?“), Smalltalk über gemeinsame Bekannte aus Krefeld wie den ehemaligen ZDF-Moderator Bodo Hauser („Noch Fragen, Kienzle?“). Anekdoten: Wie Ralf Hütter mit einem anderen großen Sohn der Samt- und Seidenstadt, Joseph Beuys, geflippert und gekickert hat. Wie er sich über das Gelbe Trikot freute, das ihm beim Opening der „Tour de France 2017“ in Düsseldorf nach dem „Kraftwerk“-Konzert am Rheinufer überreicht wurde. Radrennfahren („Tanz von Mensch und Maschine“) ist Ralf Hütters Leidenschaft. Trotz eines Unfalls mit Gehirnerschütterung 1982 steigt er immer wieder aufs Velo.

„Kraftwerk“ ist in den vergangenen Jahrzehnten fast überall aufgetreten, doch es gibt es auf der Tournee-Landkarte einen weißen Fleck – China. „Wir haben das schon öfter versucht, aber wir kommen da nicht rein“, sagt Hütter. Gründe werden offiziell nicht genannt. Das Auswärtige Amt und Kulturstaatsministerin Monika Grütters haben ihre Hilfe angeboten. Übers Internet weiß Hütter immerhin, „dass unsere Musik in China bekannt ist“. Vielleicht liegt die ausbleibende Genehmigung der Machthaber in Peking daran, dass „Kraftwerk“ vor zwei Jahren in Taiwan spielte, dem zum Todfeind erklärten Inselstaat?

Welche Botschaft verbindet Hütter mit seiner Musik, welche Idee will „Kraftwerk“ transportieren? „Dass man aus kreativer Energie etwas machen und schöpfen kann“, sagt er. „Unsere Botschaft ist, dass Dynamik und Kreativität des Einzelnen und die Zusammenarbeit mit Anderen im elektronischen Garten etwas schaffen können. Nicht warten auf die Entdeckung oder irgendwelche Anrufe aus Hollywood. Einfach bauen und basteln, das haben wir gemacht. Selbst ist der Mann, Selfmademan.“

Damals haben sich die „Musikarbeiter“ um Ralf Hütter mit Orgel und Percussion, Tonbandgeräten und Synthesizern und auf den Weg in ferne Klang­sphären gemacht. Heute stehen ihnen Laptops und Softwareprogramme zur Verfügung. Einst brachen sie ins musikalische Futur 2 auf, heute stellen sie sich als lebendige Klassiker der Postmoderne in Musentempeln der ganzen Welt aus: „Kraftwerk“ an der Oper in Sydney, am Burgtheater in Wien, in der Tate Modern in London, im Museum of Modern Art in New York und der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Für Hütter schließt sich da ein Kreis, denn schon in den frühen Jahren waren sie nicht in Diskotheken zu hören, sondern in Galerien und Museen am Niederrhein.

Der im „Katalog-Album“ versammelte Kanon mit den acht Klassikern von „Autobahn“ (1974) bis „Tour de France“ (2003) ist für die Musiker, die auf der Bühne als Audio- und Video-Operator agieren, „Partitur, Drehbuch und Regieanweisung für die Multimedia-Performance“. Sie spielen bekannte Stücke immer wieder anders und schaffen dadurch Neues. Den Vorwurf, „Kraftwerk“ biete bloß noch Remix und Recycling, lässt Hütter daher nicht gelten. Sein „Roboter“-Konzept von 1978 lautet: „Wir laden unsre Batterie, jetzt sind wir voller Energie. Wir sind auf alles programmiert, und was Du willst, wird ausgeführt.“

Wie weit geht die Symbiose von Musiker und Rechner? „Ziemlich weit“, sagt Hütter. „Wir spielen die Maschinen und die Maschinen spielen uns.“ Keine Sorge, dass die künstliche Intelligenz den Menschen überflüssig macht? Nein, meint der „Kraftwerk“-Patron. „Wir müssen die Maschinen einschalten und programmieren. Wir erleben eher, dass der Computer manchmal aussetzt, gestern Abend hat er zweimal gestottert. Wir bringen unsere Dynamik und den freien Geist in diese Beziehung ein, damit geben wir dem Ganzen eine Steuerung vor. Wir kommunizieren und interagieren, und es ist erstaunlich, welche Intensität man erzeugen kann.“

Neulich hat jemand vorgeschlagen, „Kraftwerk“ solle sich klonen, mehrere Ensembles aus gleichförmigen Maschinen bilden und simultan an verschiedenen Orten auftreten lassen. Ralf Hütter lächelt: „Im Moment fühlen wir uns noch dynamisch genug, das selbst zu machen.“ Wie lange noch? „Man macht einfach weiter. So lange es geht.“

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