Klassik Ein Tag auf dem Musikfest Stuttgart

Schauspieler durch und durch: Dominique Horwitz beim äußerst vergnüglichen Gesprächsabtausch mit Henning Bey von der Bachakademie in Stuttgart.
Schauspieler durch und durch: Dominique Horwitz beim äußerst vergnüglichen Gesprächsabtausch mit Henning Bey von der Bachakademie in Stuttgart. © Foto: Hanns-Horst Bauer
Stuttgart / Hanns-Horst Bauer 01.09.2018

Mitten zwischen den einladenden Ständen und Lauben des Stuttgarter Weinfests startet der lange Musikfest-Tag im Fruchtkasten am Stuttgarter Schillerplatz, dem Sitz des kostbaren Musikinstrumenten-Museums. Hier treffen sich zum „Klangatelier II“ Hermann Max (77), der Alte-Musik-Spezialist mit unverwechselbarem Wuschelkopf, und Henning Bey, als Chefdramaturg der Internationalen Bachakademie für die Programmgestaltung zuständig, zum vitalen Gedankenaustausch. Damit sollen die Besucher, die schon gut eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn geduldig auf Einlass warten, auf das folgende Konzert in der benachbarten Stiftskirche vorbereitet werden. Dort wird es dann im Rahmen der „Sichten auf Bach“ mehr um den zweiten Begriff des diesjährigen Musikfest-Mottos „Krieg und Frieden“ gehen, wenn Bachs Kantate BWV 116 „Du Friedefürst, Herr Jesu Christ“ erklingt.

Max, Gründer und Leiter der renommierten Ensembles „Rheinische Kantorei“ und „Das Kleine Konzert“, schwärmt von der durch und durch harmonischen Bach-Familie und ist davon überzeugt, dass jegliches Komponieren mit Bildern im Kopf anfängt. So müsse man als Interpret vor allem die verborgenen Wirklichkeiten in der Musik entdecken.

Nicht mehr ertragen

Wie schwierig der Zugang zu einem Werk allerdings ist, zeigt die Tatsache, dass Max selbst einige seiner frühen CD-Aufnahmen  nicht mehr ertragen kann. Eine „Warnung“ gibt er den Besuchern des anschließenden Konzerts mit auf den Weg: „Beim Lobpreis von  BWV 16 werden Sie gewaltig zusammenzucken.“ Und dann gibt es da ja auch noch als Rarität eine Kantate von Bachs Neffen Johann Ludwig Bach: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“

Wer bei der Kantate „Herr Gott, dich loben wir“ nicht zusammengezuckt ist, wird beim Konzert in der Stiftskirche zumindest mit einem klanglich ganz wunderbar entrückten   Oboe-da-caccia-Solo als Begleitung zur Tenor-Arie „Geliebter Jesu“ beglückt. Eindeutig ein Pluspunkt fürs Musizieren auf den sogenannten Originalinstrumenten!

Am Nachmittag lädt die Bachakademie ins Musikfest-Café im Hospitalhof ein. Da treffen sich zwei, die sich auf Anhieb zu verstehen scheinen, zum unterhaltsamen, witzig-selbstironischen Gespräch: wieder Bey von der Akademie und der vielseitige und populäre Schauspieler Dominique Horwitz (61), der am Abend im Theaterhaus Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten“ darstellen wird.

Jetzt erzählt er aber erst mal ganz Aktuelles aus seinem Leben, etwa dass seine – zweite – Frau gerade in Weimar allein den Umzug vom zu groß gewordenen Haus in eine kleinere Stadtwohnung managen muss. Horwitz freut sich, dass Bey seine Jacques-­Brel-Aufnahmen liebt, von seinem neuen Buch „Chanson d’ Amour“ schwärmt und nun unbedingt auch noch sein erstes, den Kriminalroman „Tod in Weimar“, lesen will.

Unter Strom gesetzt

Die Musik betrachtet Dominique Horwitz als den roten Faden in seinem Leben, das er künftig endlich mehr genießen will: „Weniger arbeiten, Wein trinken, gut essen.“  Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ bezeichnet er als sein „Leib- und Magen-Stück“, das er zusammen mit Kolja Blacher und Solisten der Berliner Philharmoniker auch schon für CD aufgenommen hat.

Am Abend im Großen Saal des Theaterhauses steht dem Schauspieler dafür das exzellente Arte Ensemble zur Seite. Das spielt nicht nur Erwin Schulhoffs jazzig-spaßige Suite für Kammerorchester von 1921, sondern auch den Strawinsky rhythmisch prägnant und mitreißend.

Wenn der Mitschnitt am 30. September um 20.03 Uhr im Deutschlandradio Kultur gesendet wird, kann man all das hören, doch den unter Strom gesetzten Horwitz müsste man unbedingt auch sehen. Wie er sich in den verschiedenen Rollen, die er hier verkörpert, stimmlich furios und körperlich exzessiv verausgabt, sich dabei immer wieder umdreht, um den Schweiß aus dem Gesicht und von der Brille zu wischen, das alles ist großartig, ja spektakulär.  Tosender Beifall!

Toptermine der zweiten Woche

Das Musikfest geht in die zweite Woche. Hier die Toptermine:
5.9. „Türkenschlacht bei Wien 1683“, Les passions de l’Ame – Berner Orchester f. Alte Musik, 19 Uhr, Im Wizemann.
6.9. „Musik für einen kriegerischen König“, Bach, Ein Musikalisches Opfer BWV 1079, Il Gusto Barocco – Stuttgarter Barockorchester,  13 Uhr, Stiftskirche.
6.9. Kästner, „Die Konferenz der Tiere“, Sebastian Manz & Henning Westphal, 19 Uhr, Trumpf Auditorium.
7.9. „A Tribute to Glenn Miller“, The Skylarks & Swing Dance Orchestra, 19 Uhr, Benz Museum.
8.9. „Liebe in Zeiten des Krieges“, Hasse, Serenata Marc´Antonio e Cleopatra“, Stuttgarter Kammerorchester, 19 Uhr, Liederhalle.
9.9. Abschlusskonzert „Händel und der Friede von Utrecht 1713“, Gaechinger Cantorey, Hans-­Christoph Rademann, 19 Uhr, Liederhalle.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel