München Ein Sommer in Schwabing

Duchamp auf einem Foto von Heinrich Hoffmann. Foto: Lenbachhaus
Duchamp auf einem Foto von Heinrich Hoffmann. Foto: Lenbachhaus
München / LENA GRUNDHUBER 19.04.2012
Mit fröhlicher Wissenschaftlichkeit feiert München sich und die Kunst: Die Ausstellung "Marcel Duchamp in München 1912" wagt Thesen und präsentiert vor allem den "Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2".

. Er wäre "irgendwo" hingegangen, wird er in der Rückschau sagen. Hauptsache weg. Weg aus Paris, wo er sich leidenschaftlich in eine verheiratete Frau verliebt hatte, die Gattin des Kollegen Francis Picabia. Fort aus dieser Stadt, die auch seine Kunst verschmähte. Sein "Akt eine Treppe herabsteigend, Nr. 2" war im Salon des Indépendants abgewiesen worden. "Ein Akt schreitet niemals die Treppe herab - ein Akt liegt", so wurde dem damals 24 Jahre jungen Künstler beschieden.

Das Bild, das den orthodoxen Kubisten zu futuristisch war, gilt heute als Ikone der Moderne und ist normalerweise im Philadelphia Museum of Art zu bewundern. Derzeit ist es - erstmals in Deutschland - im Kunstbau am Münchner Lenbachhaus zu Gast. Das Haus feiert ein Jubiläum: Vor genau hundert Jahren weilte Marcel Duchamp, der Urvater des Readymade, einen Sommer lang in der bayerischen Landeshauptstadt, wohin ihn ein Freund eingeladen hatte. Mit dem "Kuhmaler" Max Bergmann hatte Duchamp zwei Jahre zuvor eine ausschweifende Zeit in Paris verlebt.

"Marcel Duchamp in München 1912" nennt sich die Ausstellung schnörkellos. Sie zeigt unter anderem zwei Gemälde, die zwischen Ende Juni und Anfang Oktober 1912 entstanden: "Der Übergang von der Jungfrau zur Braut" und "Braut" - Mensch-Maschinerien aus Kolben, Röhren und Drähten. Daneben steht, was sich in dem Künstler intellektuell vorbereitete. Das "Große Glas" in der Rekonstruktion von Richard Hamilton wird flankiert von einer Zeichnung, die Duchamp in München fertigte: "Erste Recherche für: Die Braut von den Junggesellen nackt entblößt (Mechanismus der Scham/Mechanische Scham)". Zunächst war ein Gemälde geplant. Aus der horizontalen Dreier-Konstellation wurde erst später das berühmte Glas "Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblößt, sogar", die vertikal angeordnete, rätselhaft mechanistische "Apotheose der Jungfräulichkeit" (Duchamp). Erst nach dem München-Aufenthalt, 1913, wird Marcel Duchamp das erste Readymade anfertigen, also einen Alltagsgegenstand zur Kunst erklären. Dass die Stadt als "Ort meiner völligen Befreiung", wie Duchamp sagte, eine Rolle in der Entwicklung weg von der Malerei gespielt haben könnte, die Theorie ist verführerisch - und die Münchner folgen ihr. Aber nicht verbissen, sondern mit sympathischer Freude an der Thesenbildung.

Eine Adresse war München unbestritten: Einige Monate zuvor hatte die Ausstellung des "Blauen Reiters" stattgefunden, die Galerie Thannhauser zeigte Picasso, Kandinskys Schrift "Über das Geistige in der Kunst" lag in den Buchläden. Auch Duchamp besaß ein Exemplar und studierte insbesondere die Ausführungen zur Farbe, wie seine Notizen belegen. Nachdem er sich in Schwabing eingemietet hatte, begannen inspirierende Wochen. Fast jeden Tag stand Duchamp in der Alten Pinakothek vor den Gemälden Lucas Cranachs d. Ä. Die Begegnung mit dem alten Meister und Kandinskys Schrift mag ihn bestärkt haben, seine Kunst "in den Dienst des Geistes" zu stellen. Was er sonst noch gesehen haben könnte, dem widmet sich der zweite Abschnitt der Ausstellung, der sich ausnimmt wie ein Wartesaal: Über einer Stuhl-Bank hängen Leuchtröhren, die anzeigen, über welches Werk jeweils informiert wird. Statt multimedialem Brimborium liegen Heftchen zum Lesen aus.

Genügend Anschauungsmaterial ist ja da: Ein Motor aus dem Deutschen Museum, Hinweise auf die Bayrische Gewerbeschau - in jenem Sommer das Ausstellungsereignis schlechthin. Duchamp könnte beides gesehen haben und sich Anregungen für seine technischen Bildgebungsverfahren geholt haben. Eine Kandinsky-"Improvisation" hängt einem Kuhbild Bergmanns gegenüber. Das "Bilboquet", das Duchamp dem Freund geschenkt hatte, liegt in der Vitrine. Ein "sehr pariserisches" Geschicklichkeitsspiel, wie der Bayer bemerkte, bei dem ein Stab in ein Loch musste - sexuelle Konnotationen erfreuten die jungen Herren nicht nur, sie grundieren auch die Werke. Man kann sich durch den Inhalt von Duchamp-Schachteln gucken, alte Postkarten entziffern, sich sein Bild zusammensetzen, von diesem jungen Mann, der - soviel darf gesagt werden - in München ein Stück mehr Marcel Duchamp wurde.