Kunst Ein Postkartenbuch zum Valentinstag

Franziska Degendorfer malt auf, wie Liebende kommunizieren (oben links) – Martin Walser (rechts daneben) hingegen möchte lieber nichts dazu sagen: Jeder gibt seine eigene Antwort auf die uralte Frage nach dem Liebesglück.
Franziska Degendorfer malt auf, wie Liebende kommunizieren (oben links) – Martin Walser (rechts daneben) hingegen möchte lieber nichts dazu sagen: Jeder gibt seine eigene Antwort auf die uralte Frage nach dem Liebesglück. © Foto: Fotos: Reiner Schlecker
Ulm / Lena Grundhuber 14.02.2018

Wenn man großes Glück hat, fällt einem die Antwort leicht, dann braucht man nur ein einziges Wort dafür: „Karen“, schreibt der Schriftsteller Sten Nadolny. Sein Glück in der Liebe heiße Karen: „Sonst habe ich darüber nicht soviel nachgedacht.“ Andere kritzeln die ganze Karte voll, nur um zu dem ernüchternden Ergebnis zu kommen, dass zur Liebe Risikobereitschaft gehöre, „weil ihr Ende mit einer brutalen Sicherheit geahnt werden kann“ – Künstlerin Pipilotti Rist nimmt’s aber trotzdem locker und hält es letzten Endes mit Bob Dylan: „Don’t think twice, it’s alright.“

Recht hat sie. Denn es tut uns sehr leid, Sie ausgerechnet am Valentinstag schon im zweiten Absatz enttäuschen zu müssen, aber die Frage, um die es geht, werden wir auch auf den nächsten 100 Zeilen vermutlich nicht geklärt kriegen: „Was heißt das eigentlich, Glück in der Liebe?“

An dem Thema haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen und das Herz zerbrochen. Aber früher oder später steht halt jeder mal vor der Frage. Im Falle des Ulmer Künstlers Reiner Schlecker war es wohl eher später, also später am Abend, als man zu vorgerückter Stunde gemeinschaftlich den Liebeskummer eines Freundes zu erörtern hatte. Zu einer Lösung sei man nicht gelangt, erzählt Schlecker, „aber ich habe gesagt: Ich will es jetzt genau wissen“. Also begann er, quasi als „Mail-Art-Projekt“, die große Frage auf kleinen Postkarten in die Welt hinaus zu schicken, an nahe Freunde ebenso wie an ferne Prominente, wer ihm eben gerade so einfiel.

Mal romantisch, mal rüde

Über mehr als 20 Jahre hat der Künstler immer mal wieder so eine Karte versendet, nicht jedes Mal kam eine Antwort zurück, aber es sind beileibe genug zusammengekommen, um das Projekt nun langsam zum Abschluss zu bringen und ein wirklich wunderhübsches Postkartenbuch daraus zu machen. Angefüllt ist es mit 110 teils lustigen, teils bier­ernsten, manchmal inspirierten, hin und wieder auch gelangweilten Antworten – je nach Laune, ja, vielleicht je nach Gefühlslage des Absenders.

Wer weiß schon, wieso Schriftsteller Martin Walser seiner Karte gar so rüde über die Seite fährt: „Wer so fragt, sollte sich selber fragen, nicht andere!“ Oder Künstler Dieter Roth einen obszönen „Knüppel aus dem Sack“ holt – „dafür hat er sich später entschuldigt“, erzählt Schlecker. Mit der Prominenz muss es nichts zu tun haben, gibt doch Alfred Biolek ein rührend offenes Bekenntnis darüber ab, dass er sich das kleine und große Liebesglück noch oft und intensiv wünsche.

Neben der poetischen hat Reiner Schlecker auch politische Expertise eingeholt, nämlich von Ex-Oberbürgermeister und Rechtsanwalt Ivo Gönner, der sich der Problematik mit einem derartigen juristischen Scharfsinn annimmt, dass ein Zitat an dieser Stelle den Rahmen sprengen würde. Andere nehmen’s eher pragmatisch orgasmisch („Du rutscht aus ihr raus, und ihr rutscht ein Name raus“, Martin Leiensetter), oder schwäbisch bodenständig („Ein Kartoffelfeld als Mitgift“, Andi Kluge).

Vor allem wird gezeichnet: Da regnet es Herzen, da klappern die Töpfe und die Deckel. Franziska Degendorfer malt ein herrlich naives Gedankenlesesystem zwischen Liebenden, und Lothar Götter nimmt sich ein Herz – in die Hand – und schwört hoch und heilig: „Weiß auch nicht.“ Ob wenigstens der Leser nach der Lektüre mehr weiß? „Keine Ahnung, ob man da schlauer wird“, meint der Herausgeber, der übrigens seit 23 Jahren verheiratet ist.

So bleibt die Frage im Umlauf, und wer mal wieder eine Antwort sucht, der reiße eine Postkarte aus dem Buch und schicke sie mit lieben Grüßen weiter.

Im Museum und im Buchhandel

Das Buch Reiner Schleckers Postkarten waren bereits im Museum Villa Rot zu sehen, das Buch dazu ist in einer Auflage von 100 Stück erschienen, erhältlich zum Preis von 40 Euro im Shop des Museums Ulm, in der Buchhandlung Mahr in Langenau oder beim Künstler: kast-schlecker@arcor.de

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