Literatur Ein Fremder mit finsterer Geschichte

: Die kleinen roten Stühle. Übersetzt von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl. Steidl Verlag, 344 Seiten, 24 Euro.
: Die kleinen roten Stühle. Übersetzt von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl. Steidl Verlag, 344 Seiten, 24 Euro. © Foto: Edna O'Brien
Erik Lim 16.12.2017

Das kleine Städtchen Cloonoila an der irischen Westküste wird binnen kurzer Zeit auf heftige und verstörende Weise beinahe komplett umgekrempelt. Und das nur, weil dort eines Tages ein Fremder auftaucht, der sofort für Aufsehen sorgt, mit seinem schwarzen Mantel, dem weißen Bart und den weißen Handschuhen. „Sehr viel später würden die Leute von seltsamen Geschehnissen an diesem Winterabend berichten: von Hunden, die wie verrückt bellten, so als donnerte es . . .“.

So beginnt Edna O’Briens Roman „Die kleinen roten Stühle“, in dem sie Dr. Vladimir Dragan aus Montenegro, genannt Vuk, in die irische Provinz kommen lässt, wo er sich als Heiler und Sexualtherapeut niederlassen möchte. Ein aberwitziges Unterfangen, doch die Bevölkerung des Örtchens, und hauptsächlich die weibliche, kann sich der Aura des Fremden nicht lange entziehen. Fidelma, verheiratet, Anfang vierzig und zu ihrem großen Bedauern noch immer kinderlos, erliegt ihm.

Was als Romanze begann, wird zur Tragödie ihres Lebens. Ihr Mann und beinahe der ganze Ort verstoßen sie. Doch damit nicht genug: Hinter der Fassade des Gelehrten versteckt sich ein bestialischer Kriegsverbrecher, dessen ebenso brutale Feinde sich auf grausige Weise an der Geschundenen vergehen. Ende des ersten Teils. Fidelma flieht nach London, lernt in Selbsthilfegruppen, wieder auf die Beine zu kommen, jobbt und wohnt hier und da, versucht, ihr Schicksal anzunehmen. Im kurzen dritten Teil wird sie Vuk in Den Haag vor dem Kriegsverbrechertribunal noch einmal begegnen.

Edna O’Brien, die am 15. Dezember 87 Jahre alt wird, zeigt mit diesem klugen, vielschichtigen und glänzend geschriebenen Roman unter anderem, wie sehr Radovan Karadazic von seinem Denken und Tun überzeugt war und seine eigene Schuld nicht begreifen konnte. Der Titel des Romans spielt auf eine Gedenkinstallation in Sarajevo an.