"Er befühlte das Leder, die silbernen Verschlussschnallen, ließ sie aufspringen und öffnete den Koffer. ,Verdammte Scheiße, oder?'"

Und jetzt? Was ist im Koffer drin? Wie geht's weiter mit der Story? Und überhaupt: Was geht da vor, Anfang der 70er Jahre in Frankfurt, wo ein Möchtegern-Großstadtganove namens Dimitri den Vater des Erzählers "mit fachmännisch einbetonierten Füßen" in den Main wirft, dieser aber, durch kräftiges Niesen, wieder auftaucht und weiterspielt im mafiosen Plot? Und wann begegnet der Mann seiner künftigen Frau, die einstweilen noch 1000 Kilometer südlich, in Marseille, umherirrt? Sie hatte sich vorgenommen, mit einem Franzosen zu schlafen, fiel aber wegen falsch eingenommener Tollwut-Tabletten in Ohnmacht und trauert sowieso um ihre tote Zwillingsschwester Eva.

Tja. Der Leser braucht Geduld und wartet gespannt: "Morgen mehr"! So heißt auch der neue Roman von Tilman Rammstedt, dessen Erscheinen der Münchner Hanser Verlag für Mitte Mai angekündigt hat - aber der Titel ist Programm, denn seit dem 11. Januar schreibt der Bachmann-Preisträger an seinem Buch: öffentlich, Tag für Tag. Der altehrwürdige, in Zeitschriften und Zeitungen abgedruckte Fortsetzungsroman eines Alexandre Dumas ("Die drei Musketiere") oder Erich Maria Remarque ("Im Westen nichts Neues") gewissermaßen 4.0 - richtig, das Internetzeitalter erfindet selten etwas, verkauft die Idee aber mit neuen Medien und interaktiv.

Wer ein Abonnement abschließt, erhält täglich ein neues Kapitel von "Morgen mehr" (außer am Wochenende), nur dass Rammstedt eben live schreibt, die Geschichte vor den Augen der Leser entwickelt - und die mit ihren Kommentaren gleich ins Gespräch mit dem Autor kommen können. Dieser schwermütige Franzose etwa im 3. Kapitel heißt Jean-Baptiste Drieu de la Chapelle - aber muss das sein? Könnte der, im gedruckten Buch, nicht Souchay de la Duboissière mit Nachnamen heißen, fragt ein gewisser NP: "Dann setz' ich beim großen Familientag 2017 glatt zwei bis drei Dutzend Exemplare ab. In vorrevolutionären Zeiten trug einmal ein Träger dieses Namens sein Erbgut in eine unserer Vorfahrinnen, daran erinnern wir heutigen Klütgenbrinks und Kattenroths uns natürlich gerne . . ." Rammstedt antwortet: "Zwei bis drei Dutzend Exemplare? Ich habe gerade schon mit dem Vertrieb beim Verlag geredet: das verdoppelt die anvisierte Startauflage. Ist angenommen. Champagner!"

Okay, auch dieser Chat gehört vielleicht zur Inszenierung. Aber die gelingt Hanser sehr professionell und sehr unterhaltsam. Und es ist eine gute Taktik des Verlegers: Der kann freudig mitverfolgen, wie sein Autor liefert. Die Schreibblockade eines Hemingway, das jahrzehntelange vergebliche Bitten um Text eines Siegfried Unseld bei Wolfgang Koeppen? Hanser-Chef Jo Lendle kann sich zurücklehnen.

Und der 40-jährige Rammstedt liefert. Ja, Moment mal, das Smartphone pfeift. Eine Whatsapp-Nachricht, um 8.20 Uhr. Die neue Folge ist da, auf dem Handy zu lesen beim Frühstück: "Tag 10 - 22. Januar 2016". Aber was ist los? Es gibt zunächst nur das "neuneinhalbte Kapitel", in dem es Dimitri die Sprache verschlägt, was mit dem Leben allgemein zu tun habe, "das einfach zu groß ist, um sich nicht manchmal darin zu verlaufen . . ."

Hat auch der Autor eine Krise? Er kocht Früchtetee und schüttet ihn weg, beschimpft den Kalender, weil der mit April droht, dem Abgabetermin des Romans - und dann war er mitternachts noch im Verlag gewesen, wo sie ihm "halbherzig" empfahlen, noch etwas über die Mutter zu schreiben. Aber es gibt doch noch ein zehntes Kapitel, in dem der besagte Koffer eine Rolle spielt.

Die Mutter? Rammstedt ist an seinem ersten Tag furios gestartet: "Ich weiß alles", bekennt der Ich-Erzähler, zählt alles auf, was er erleben wird: "Es wird ein volles Leben gewesen sein." Doch er ist noch gar nicht geboren! Beobachtet aber seinen Vater und seine Mutter, als wäre er dabei. "Morgen mehr" ist ein popkultureller Schelmenroman-Krimi - oder so ähnlich: flott geschrieben, fantasievoll, witzig. Hoffentlich hält Rammstedt durch.

Ah, das Handy pfeift wieder: Hanser sendet ein TV-Pausenbild und wünscht ein schönes Wochenende. Also bis Montag.

Im Mai wird's gedruckt

Abonnement "Morgen mehr" entsteht vor den Augen des Lesers: Seit dem 11. Januar kann man in täglichen Fortsetzungen verfolgen, wie Tilman Rammstedts neuer Roman entsteht. Das Abonnement - zum Lesen oder zum Hören - kostet acht Euro. Infos unter www.morgen.mehr.de

Das Buch In seinem Frühjahrsprogramm kündigt der Hanser Verlag Rammstedts Roman für den 8. Mai an: "ca. 160 Seiten, ca. 18.90 Euro". Bis zum 8. April muss der Autor das Manuskript abliefern, dann erfährt der Roman ein Lektorat, "wird gekürzt, gedehnt, gesetzt, korrigiert, gedruckt und gebunden".

Der Autor Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren. Der Bachmann-Preisträger schrieb die Romane "Der Kaiser von China" und "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters".