Festival Ein Fest für Schostakowitsch

Schostakowitsch-Büste in Gohrisch.
Schostakowitsch-Büste in Gohrisch. © Foto: Burkhard Schäfer
Gohrisch / Burkhard Schäfer 27.06.2018

Dass das verschlafene Nest Gohrisch, landschaftlich reizvoll im Herzen der Sächsischen Schweiz gelegen und heute ein Luftkurort, einmal Musikgeschichte schreiben würde, hätte vor 60 Jahren sicher niemand für möglich gehalten. Vor 58 Jahren, vom 12. bis 14. Juli 1960, waren die Voraussetzungen dafür gegeben. An diesen drei Tagen war nämlich der Komponist Dmitri Schostakowitsch hoher Gast im „Albrechtshof“, einem einst vor allem von den Bonzen frequentierten Hotel, das heute – wenn auch zum Teil baufällig – noch steht und seinen verblichenen Ost-Charme bewahrt hat.

Schostakowitsch war aber nicht nur zur Erholung da. Eigentlich sollte er dort Musik zu einem sowjetischen Propagandafilm komponieren. „Aber wie sehr ich auch versucht habe, die Arbeiten für den Film im Entwurf auszuführen, bis jetzt konnte ich es nicht. Und stattdessen habe ich ein niemandem nützendes und ideologisch verwerfliches Quartett geschrieben“, notiert der Komponist in einem Brief sarkastisch. Bei dem „unnützen“ Quartett handelt es sich um eines der berühmtesten und persönlichsten Werke aus der Feder des Russen.

Es trägt die Nummer 8 und ist, zumindest offiziell, den Opfern des Faschismus und des Krieges gewidmet. In dem Brief heißt es jedoch: „Man könnte auf seinen Einband auch schreiben: ‚Gewidmet dem Andenken des Komponisten dieses Quartetts’.“ Soweit hat es die Widmung zwar nicht geschafft, dafür ist sie heute aber das inoffizielle Motto der 2010 ins Leben gerufenen „Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch“. Wenn es in Deutschland ein Festival gibt, dem es gelingt, nicht nur die Stars der Klassik-Szene auflaufen zu lassen, sondern an spürbar auratischem Ort das Andenken an einen der größten Tonschöpfer des 20. Jahrhunderts authentisch zu bewahren, dann sind das die Gohrisch-Tage.

So geben sich die Großen quasi die Klinke in die Hand: in diesem Jahr etwa das Klavierduo GrauSchumacher, Star-Pianist Denis Matsuev oder das junge polnische Lutoslawski Quartett, das mit seiner Interpretation des 10. Streichquartetts von Schostakowitsch für einen Höhepunkt sorgte. Noch mehr sind es aber die einstigen Weggefährten des Russen, die dem Festival die Treue halten und dort regelmäßig zu Gast sind beziehungsweise waren, allen voran Irina Antonowna Schostakowitsch, die heute 83-jährige Witwe des Komponisten, dann auch der Komponist Krzysztof Meyer und, in den Vorjahren, der kürzlich verstorbene Dirigent Gennadi Roschdestwenski.

Es gab in diesem Jahr sogar eine echte Schostakowitsch-Uraufführung zu hören: Impromptu für Viola und Klavier, ein schönes kleines „Albumblatt“. Aus der Taufe heben durften es Nils Mönkemeyer und Rostislav Krimer. Ein zutiefst bewegender Moment. Und ein wahrhaft großartiges Festival.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel