Bad Ragaz Ein Dorf voller Kunst

CLAUDIA REICHERTER 17.08.2012
Für sechs Monate verwandelt sich Bad Ragaz im Kanton St. Gallen alle drei Jahre zum Mekka für Land-Art- und Skulpturen-Fans. Streifzug mit einer Kunstführerin durch die kostenlos zugänglichen Objekte.

Sonja Knapp verteilt großzügig Glasreiniger über "No. II Shining". Je öfter die Künstlerin aus Klosters über den überlebensgroßen Skarabäus aus hochglanzpoliertem Edelstahl im Kur-Park wischt, desto mehr Schlieren weist der auf. Dennoch bilden er und der schräg vor ihm platzierte "No. I Shining" unter den hohen alten Bäumen einen reizvollen Zerrspiegel für Häuser, Berge und Besucher im Schweizer 5300-Einwohner-Ort Bad Ragaz.

Früher habe sie mit Bronze gearbeitet, erläutert die 70-Jährige. Wie Manolo Valdés, dessen "Caballero" und "Dama a Cabello" keine zehn Meter entfernt auf dem Rasen stehen. "Aber das Leben heutzutage ist schon mehr spiegelig und die Menschen haben inzwischen eine Beziehung zu dieser Art von Perfektion." Außerdem oxidiere Bronze, "das kann man schwer beeinflussen", sagt sie zu Jeannette Zai-Hug, der gerade die dunkle Patina auf Valdés Reiterstandbildern so gut gefällt.

Die 69-Jährige gehört zu 17 Bad Ragazern, die dieses Jahr fünf Monate lang Besucher durch die temporäre Skulpturen- und Land-Art-Ausstellung "Bad RagARTz" führen, eine Privatinitiative, die den Ort im Heidiland seit dem Jahr 2000 immer wieder zum Mekka für Kunstliebhaber werden - und "richtig aufblühen" lässt. Ein ganzes Dorf voller Kunst, alle paar Meter eine Skulptur. Sogar die vermeintlichen Seerosen auf dem Anlagensee entpuppen sich als 300-teilige Installation.

"Das hat uns das Ehepaar Hohmeister geschenkt", erklärt Zai-Hug. 18 Millionen Franken Versicherungswert, 1,6 Millionen Kosten, null Franken Eintritt - Sponsoren sei dank. "Ich denke, das ist einzigartig." Die Bürger freuten über die Tagestouristen, die zwischen Mai und November aus der ganzen Schweiz, Österreich und Süddeutschland kommen, sagt die pensionierte Bankangestellte. "Anfangs war das anders, da hatte man mit Kunst nicht so viel am Hut. ,Soll das Kunst sein?, fragten viele." Rolf Widrig grinst. Auch er ist seit 15 Jahren als Führer aktiv und zudem für Reparaturen an der im öffentlichen Raum aufgestellten Kunst zuständig. Gerade hat er entdeckt, dass drei der "Tanzenden Hände" von Gerhard Catrina vor dem - ebenfalls temporären, aber noch nicht so gut angenommenen - Kunst-Café "Fortuna" in der Pfäferserstraße fehlen. Kürzlich war ein Wespennest vor einer Steff-Lüthi-Plastik zu entfernen.

Am meisten Arbeit machten ihm bislang Figuren der in Luzern geborenen Christina Wendt. Die sind dieses Jahr auf Forderung der Versicherung hin im Ortskern auf Vordächern oder Balkonen, und im Giessensee statt am idyllischen Uferweg mittendrin auf einem Floß platziert. Da kommen nur Enten hin. "Der Künstlerin geht es um Entblößung", erklärt Zai-Hug. Das errege Anstoß, immer wieder wurden die nackten Keramikfiguren beschädigt. Sie aber mag jene Arbeiten.

Ebenso wie Milan Spaceks "Schweigende Mehrheit", Sibylle Pasches weiße Marmor-Skulpturen, Dao Drostes grazile Bronze-Stelen, Michael Danners zwölf Meter hohe Arbeit "Ins Zentrum", Carlo Borers Endlosschleife undundund. Am Beeindruckendsten findet sie Thomas Röthels massive Stahlplastiken.

Rolf Widrigs Liebling ist Schang Hutter. Ob Amand, Abakanowicz, Lang, oder Spoerri - unabhängig vom persönlichen Geschmack haben beide zu allen Werken Zahlen, Fakten und Hintergründe parat.

Oft biete der Aufbau Gelegenheit, sich mit den Künstlern zu unterhalten, zum Beispiel mit Roland Mayer. Der baute vier Wochen an "Henne oder Ei", berichtet Jeannette Zai-Hug. Und verweist auf eine weitere Besonderheit: "Bei uns kann man sogar in Kunst wohnen." Im Hotel Quellenhof etwa gestaltete der Züricher Motorsägen-Bildhauer Peter Leisinger eine ganze Suite.