Das Ende ist so dramatisch, dass man lieber nicht verrät, was genau passiert. Gesagt sei nur: Mit dem dritten und letzten Band ihrer Pariser Großstadtchronik „Vernon Subutex“ schickt Virginie Despentes ihren Titelhelden in ein Finale von apokalyptischen Ausmaßen. Dabei sah es zuletzt gar nicht mehr so schlecht aus für den obdachlosen Ex-Plattenhändler. In Teil zwei hatte Vernon eine Clique von neuen und alten Freunden um sich geschart, die ihm das Pennerdasein durch diverse Spenden und Hilfsleistungen ein bisschen erträglicher gestaltet haben.

Jetzt folgt auf den Abstieg ein erstaunlicher Wiederaufstieg. Vernon wird zu einer Art DJ-Guru, der durch die Lande tourt und nach dem Muster von Rave Partys sogenannte „convergences“ abhält, bei denen sich eine illustre Fangemeinde von Aussteigern und Neohippies ekstatischen Tanz- und Körpererfahrungen hingibt. Doch über all dem liegt das fast schon elegische Bewusstsein, dass die Ära von Pop, Rock und Vinyl zur Welt von gestern gehört. Wenn der Roman die Tode von David Bowie und Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister betrauert, dann auch als Symptom dafür, das historisch etwas zu Ende geht. Zeichnet der Abschlussband doch ein noch schwärzeres Bild von der nahen Zukunft als die beiden ersten Teile.

Automatisch drängen sich Vergleiche mit Michel Houellebecq auf. Die Grundhaltung ist ähnlich illusionslos, die Sexszenen so naturalistisch wie bei dem skandalumwitterten Kollegen. Trotzdem belässt Despentes den Gestalten, in deren Köpfe sie schreibend schlüpft, ein hohes Maß an Menschlichkeit. Sie alle, die sich da durchs neoliberale Leben kämpfen, könnten unsere Freunde und Bekannten sein.

Gleichzeitig überzeugt die rasante erzählerische Komposition. Wie in einer Telenovela richtet sich der Fokus auf immer neue Charaktere. Überraschende Wendungen und Cliffhanger am Kapitelende halten den Spannungsbogen auch über die insgesamt rund 1200 Seiten aufrecht. In der Tradition der großen Sozialromane des 19. Jahrhunderts fügen sich die einzelnen Handlungsstränge zu einem sehr heutigen Gesellschaftskaleidoskop zusammen. Vernon Subutex gibt in diesem epischen Monumentalgemälde einen merkwürdig passiven Helden ab. Denn er ist weniger Motor des Geschehens als vielmehr der Knotenpunkt, in dem all die angerissenen Schicksalsfäden zusammenlaufen. Die einen lieben ihn, andere sehen in ihm ihre eigene Jugend gespiegelt, wieder andere wollen mit ihm Geld verdienen.

Die wahre Dynamik liegt bei den Nebenfiguren. Sie kommen aus allen Schichten. Reiche Börsenhändler wie der chronisch verkokste Kiko, Alkoholiker wie Charles, der transsexuelle Daniel, die junge Tätowiererin Céleste oder der übellaunige Drehbuchschreiber Xavier, der als Ventil für seine berufliche Erfolglosigkeit einen gehässigen Alltagsrassismus entwickelt. Schließlich ist da noch der Filmproduzent Laurent Dopalet. Hätte die Arbeit am Manuskript nicht schon vor der #MeToo-Debatte begonnen – man könnte Dopalet für ein fiktives Double von Harvey Weinstein halten.

Zusammen ergibt all das ein Gebräu aus Ressentiments, Machtgier und Angst. Hellsichtiger als jeder Soziologe fängt Despentes kollektivpsychologische Unterströmungen ein. Sie holt den Leser in einen Echoraum der Wirklichkeit. Das Wiedererstarken der Rechten hallt darin ebenso nach wie die zunehmende Prekarisierung, der Wohnungsmangel in den Metropolen oder das Bedrohungsgefühl durch islamistischen Terror. „Es war wie ein 15. August ohne Sonne. Die Stadt war erloschen. Zermalmt“, beschreibt die 1969 in Nancy geborene Virginie Despentes, die selbst als Plattenhändlerin und Gelegenheitsprostituierte arbeitete, bevor sie 1993 mit der feministischen Pornogroteske „Baise-moi“ („Fick mich“) bekannt wurde, die Stimmung nach dem Attentat vom Pariser Bataclan im Jahr 2015.

Wer wissen möchte, was die westlichen Demokratien gerade in ihre vielleicht größte Krise seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stürzt, der findet keine klarere Antwort als in dieser kalten, komischen und doch so aufwühlenden Saga vom kleinen Plattenhändler, die der Zeitroman der Stunde ist.