Ulm / CHRISTINE LANGER  Uhr
Doppelbegabungen: Zu dem Thema hat das Humboldt-Studienzentrum in den Philosophischen Salon der Villa Eberhardt eingeladen.

Schriftsteller mit Doppelbegabung beschäftigen das Humboldt-Studienzentrum im Sommersemester. Literaten also, die auch in anderen Bereichen schöpferisch tätig waren. Viele der Großen – wie Hermann Hesse, Adalbert Stifter und Günter Grass etwa – reüssierten zugleich als Literaten und Maler.

Zum Auftakt sprach Anja Schonlau von der Universität Göttingen aber über Gottfried Benn und Alfred Döblin, die beide als Ärzte und Schriftsteller tätig waren. Sie ging der jeweiligen Verbindung von Literatur und Medizin nach und verdeutlichte deren unterschiedlichen Umgang mit naturwissenschaftlicher Tätigkeit und Autorschaft. Während Gottfried Benn, für den „ohne Hinwendung zur Medizin und Biologie seine Existenz undenkbar wäre“, existenzielle Erfahrungen wie Ekel, Zerfall, Tod oder auch Eros konkret am Körper „abhandelt“, finde Alfred Döblin für neurotische Verhaltensformen, Wahrnehmungsstörungen, Verdrängung, Wahn, Gefühle von Schuld und Scham sowie sadistische Tendenzen subtile Bilder. Indem er Gegenstände personifiziert, etwa einen Spazierstock in der 1912 veröffentlichten Erzählung „Die Ermordung einer Butterblume“,  erschafft er ein Textgewebe voll seelischer Abgründe.

 Anschaulich interpretierte die Philologin Beispiele aus den jeweiligen Werken. Benn, der mit seinem 1912 erschienenen Gedichtzyklus „Morgue“ medizinisches Wissen verarbeitete, erregte mit seinem kalten, manchmal perversen, gar zynischen neuen Ton Aufmerksamkeit. Durch seine „Ästhetik des Ekelhaften“ stellte er herkömmliche poetische Traditionen radikal in Frage – und schockierte selbst Naturlyriker: „dieser schnitt man / erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß“. Döblin war sich bereits vor dem Medizinstudium seiner literarischen Fähigkeiten bewusst. Während seine Mutter seine „weiche Seite“ verachtete, schloss er bereits im Jahr seiner Abiprüfung den ersten Roman „Jagende Rosse“ ab. 1929 erschien sein bekanntester Roman „Berlin Alexanderplatz“. Bevor er 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris floh, hatte er als Nervenarzt praktiziert. So galt sein Interesse der Psychopathologie. Zu Lebzeiten fanden seine Werke wenig Anerkennung. Trotz einiger biografischer Parallelen zwischen den beiden herausragenden Schriftstellerpersönlichkeiten finden sich wenig literarische Übereinstimmungen.

Der anspruchsvolle Abend war fast zu kurz, machte aber Lust auf den nächsten Vortrag: über Kafka.