Festspiele Domingo: Gefällig reicht nicht

Plácido Domingo als Dirigent – in Bayreuth freilich leitete er das Festspielorchester bei der „Walküre“ im verdeckten, „mythischen“ Orchestergraben.
Plácido Domingo als Dirigent – in Bayreuth freilich leitete er das Festspielorchester bei der „Walküre“ im verdeckten, „mythischen“ Orchestergraben. © Foto: Georg Hochmuth
Bayreuth / Otto Paul Burkhardt 02.08.2018

Eine so hohe Dichte an spanisch sprechenden Festspiel-Pilgern gab es wohl selten. Der Grund dafür war Plácido Domingo: Der 77-jährige Weltstar hatte zuletzt 2000 in Bayreuth den Siegmund in der „Walküre“ gesungen, jetzt kam er als Dirigent genau dieser Oper zurück. Und erlebte eine böse Überraschung – mehrere, deutliche Buhrufe.

Was war passiert? Lag’s daran, dass Domingo am Pult den Vergleich mit Kirill Petrenko aushalten musste, der den Castorf-„Ring“, aus dem diese versprengte „Walküre“ stammt, mit Hochspannung, Furor und Präzision geprägt hatte? Vielleicht, denn dagegen fiel Domingos moderate, gedehnte und nicht immer punktgenaue Lesart der „Walküre“ dann doch etwas ab.

Manche nahmen wohl auch übel, dass der „Hobbydirigent“ Domingo per Promi-Bonus eingeladen wurde, während genug vielversprechende Wagner-Dirigenten noch immer Schlange stehen. Domingo – ein Phänomen: Er leitet die Los Angeles Opera, erprobt als Sänger Bariton-Partien und will demnächst „Parsifal“ dirigieren. Loslassen? Kann er nicht. Die Buhs aber scheinen ihn kalt erwischt zu haben. Nach dieser Attacke, die im Vergleich zu den Buhstürmen für „Ring“-Regisseur Frank Castorf milde ausfiel, zeigte er sich nur noch im Kreis des Ensembles.

Warum diese Extrawurst-„Walküre“ der Bayreuther Festspiele, fragten sich viele. Zumal es als Tabubruch galt, einzelne Teile der „Ring“-Tetralogie separat aufzuführen. Nun heißt es plötzlich, Wagner höchstselbst hätte dies heute sicher erlaubt. Doch der wahre Grund – auch für Domingo – war wohl der, dass die „Walküre“ Publikumsliebling der „Ring“-Opern ist und mit „Winterstürme“, „Hojotoho“, Walkürenritt und Feuerzauber Smash-Hits in Serie enthält. Das weiß auch Plácido Domingo, der vielseitigste der legendären drei Tenöre, die einst Stadien füllten.

Und seine entwaffnende Freundlichkeit schimmert auch in seinen Dirigaten durch, die bei allem Temperament, bei aller Dramatik großer Gefühle, auch diese „Walküre“-Partitur warm und kantabel gefärbt klingen lässt. Zudem: Mit Domingo steht kein typisches Dirigenten-Ego am Pult, sondern einer, der als Tenor Weltkarriere gemacht hat, der sängerfreundlich begleitet, die Akteure auf der Bühne weich bettet und nicht mit eigenwilligen Lesarten triezt. Doch ohne das Rauschhafte, ohne philosophischen Skeptizismus funktioniert Wagners Musik nicht, die selbst laut Christian Thielemann zuweilen „pures Gift“ verströmt.

Dafür aber macht Domingo diese „Walküre“ zum Fest der Stimmen – wobei die Hälfte des 2017er-Ensembles ausgetauscht wurde. Zu den „Neuen“: Stephen Gould, sonst als strapazierfähiger „Tristan“-Tenor bekannt, schlägt als Siegmund auch zarte Töne an. Vor allem Anja Kampe als neue Sieglinde punktet mit weicher, ausdrucksstarker Stimme, mit schauspielerischer Präsenz und viel Herz – was ihr den stärksten Jubel einbringt. Vom alten „Walküre“-Team überzeugt erneut John Lundgren als kraftvoller, trinkfester Weltenherrscher Wotan. Vollends Catherine Fosters Brünnhilde – mit viel Volumen und Wildheit in den Höhen.

Castorfs Inszenierung? Die hat sich vom Feindbild aller Wagner-Gralshüter zur Zugnummer für ein bunteres Publikum gemausert. Castorf erzählt, auch via Film, parallel zur Geschichte des „Rings“ die Geschichte des flüssigen Golds, des Ölbooms, weswegen er die „Walküre“ nach Baku verlegt, rund um einen riesigen Förderturm, der auch an verblichene Sozialutopien und an die grausame Realität der Arbeitslager erinnert. Zudem bereichert Castorf das übliche Gestenrepertoire der Oper, in dem er mit Live-Videos auch feinste Mimik-Nuancen der Akteure in Großaufnahme zeigt – mal trashig, mal in Stummfilm-Manier. Was bleibt? Ein Sängerfest und eine aus dem Kontext gerissene Inszenierung. Und das seltsame Gefühl, dass beides unverbunden nebeneinander herläuft.

Skandalfrei – weitgehend

Der Sommer 2018 ist in Bayreuth bisher auffallend skandalfrei verlaufen. Bis eben jetzt – als die Buhs für Plácido Domingo schockten. Sie waren auch ein Warnsignal an Katharina Wagner. Die hatte eine Schroffheit ihres verstorbenen Vaters, der anno 2000 den Superstar Domingo wegen eines umstrittenen Probentags für die „Walküre“ nicht mehr weiter verpflichtet hatte, nach 18 Jahren ausbügeln wollen. Versöhnungshalber. Eine Zeitlang schien es, als ob die Festspielleitung in Sachen Regie Bayreuth wieder an aktuelle Diskurse ankoppeln wollte. Die Rückkehr zu großen Namen wie Domingo, Waltraud Meier und demnächst Anna Netrebko wäre dann als kleine Kurskorrektur zu deuten - zurück in die allererste Sängerliga. Kurz, es bleibt unruhig. Alles andere wäre beunruhigend. op

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