Berlin Dokumentarfilm über eine Zeitzeugin des Holocaust

Berlin / JÜRGEN KANOLD 13.12.2014
Die Jugend von heute interessiert sich nicht für den Holocaust? Kann man so nicht sagen. Der Dokumentarfilm "Wiedersehen mit Brundibar" erzählt mit einer Zeitzeugin eine andere Geschichte.

"Mutter, es ist so weit,/ aus ist die Kinderzeit . . ." Greta Klingsberg sang das Wiegenlied der Oper "Brundibár" viele Male im Konzentrationslager Theresienstadt. Sie spielte damals, zwischen März 1942 und Ende 1944, als junges Mädchen die Rolle der armen Anninka, die mit ihrem Bruder Pepicek für die kranke Mutter eine Kanne Milch kaufen will, aber kein Geld hat.

"Aus ist die Kinderzeit . . ." Das war auch die Realität. Gretas jüdische Familie stammte aus Wien, die Eltern flohen vor den Nazis nach Palästina, mussten ihre beiden Töchter aber zurücklassen in einem Waisenhaus. Sie wollten sie nachholen, doch die Geschwister wurden nach Theresienstadt gebracht. Nur Greta überlebte den Holocaust, fand die Eltern viele Jahre später wieder in Israel. Ihre Schwester hatte sie zum letzten Mal an der Selektionsrampe in Auschwitz gesehen.

Die heute 85-Jährige erzählt ihr Schicksal in dem Dokumentarfilm "Wiedersehen mit Brundibar". Douglas Wolfsperger brachte Greta Klingsberg mit Mitgliedern der Jugendtheatergruppe "Die Zwiefachen" von der Berliner Schaubühne zusammen. Sie proben Hans Krasás Kinderoper und fahren mit der alten, so lebenslustig lachenden, so klugen Frau nach Tschechien, besuchen mit ihr Theresienstadt. Die "Betroffenheitsausflüge" zu KZ-Gedenkstätten, die "Zwangsveranstaltungen" zum Thema Holocaust hatten die Jugendlichen eigentlich satt. Aber jetzt geht's nicht um Geschichtsbücher, politische Sonntagsreden und Gutmenschen-Pathos, jetzt begegnen sie einer Zeitzeugin. Die kindlich-empathische 18-jährige Annika spürt, welches Glück sie hat, auf Greta zu treffen. "Bald bist auch Du weg", sagt sie traurig. "Ihr müsst mich noch schnell fragen", entgegnet die jüdische Frau lachend. Das tun sie.

Und darum geht's: Nichts kann den Jugendlichen den unbegreiflichen Holocaust begreifbarer machen als der Bericht eines Menschen, der ihn erlebt - überlebt - hat. Nur ist das bald nicht mehr möglich. Das ist das Thema von Douglas Wolfsperger, und mehr Dokumentarfilm geht deshalb nicht. Der Regisseur schichtet in "Wiedersehen mit Brundibar" freilich keine Fakten aufeinander, sondern beobachtet die Menschen und zeigt: wie eine junge Generation von der Generation der Opfer lernt, was nun wirklich existenzielle Probleme sind. Schlechte Schulnoten, Beziehungsstress, Ärger mit den Eltern sind es jedenfalls nicht.

Wer sich mit Geschichte beschäftigt, versteht auch die Gegenwart besser, das ist eine Botschaft Wolfspergers. Sein Film, der jetzt in einzelnen Kinos angelaufen ist, aber in einem halben Jahr auch als DVD erhältlich sein wird, kann als Unterrichtsmaterial die Schüler direkt emotional packen. Auch deshalb, weil Greta Klingsberg so behutsam, nicht anklagend von ihrer Vergangenheit erzählt: "Ich will niemand beschweren." Eine tapfere, großartige Frau. Aber Zwischentöne verraten ihren Schmerz: Mit ihren Eltern habe sie nach Kriegsende nicht über ihre ermordete Schwester reden können.

Eine reine Geschichts-Doku bietet Wolfsperger also nicht; manchmal wünschte man sich jedoch mehr Hintergrund über "Brundibár". Krásas Oper handelt von Kindern, die mit lieben Tieren einen bösen Leierkastenmann, nämlich Brundibár, vertreiben. Sie endet im Chor mit einer flotten Marschmelodie: "Ihr müsst auf Freundschaft bauen, den Weg gemeinsam gehen." Diese fröhliche Unterhaltung von Kindern für Kinder in Theresienstadt, dem "Musterghetto" der Nationalsozialisten, bekam dann aber noch eine ganz andere Bedeutung. Im Herbst 1944 wurden die Mitwirkenden nach Auschwitz deportiert, wo die meisten, darunter der jüdische Komponist, in der Gaskammer ermordet wurden.

Sie hatten für die Nazi-Propaganda ihre Schuldigkeit getan. Es sind Bild- und Tonaufnahmen von einer "Brundibár"-Aufführung (mit der 14-jährigen Greta Klingsberg) überliefert, weil Kurt Gerron in seinem Film "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" auch eine Szene der Kinderoper zeigt. In Theresienstadt, da hatten die Nazis gerne den Besuchern des Internationalen Roten Kreuzes ein normales Leben der eingesperrten Juden vorgegaukelt. "Brundibár" aber, erzählt Greta Klingsberg, war im KZ tatsächlich ein Stück Hoffnung: "Wir konnten vergessen, dass wir Hunger hatten."

Am Anfang des Films hatte Annika noch erklärt: "Wenn's mich nicht interessiert, bin ich offline". Am Ende fliegt sie mit Ikra, einer anderen Akteurin des Jugendclubs der Schaubühne, nach Jerusalem, um ihre Freundin Greta zu besuchen.

"Wiedersehen mit Brundibar"

Der Regisseur Douglas Wolfsperger, 1957 geboren, wuchs am Bodensee auf. Zu seinen Spielfilmen zählt "Probefahrt ins Paradies" mit Barbara Auer, zu seinen bemerkenswerten Dokus "Die Blutritter". Zehn Jahre lang hat er an "Wiedersehen mit Brundibar" gearbeitet. Öffentlich gefördert wurde der Film nur mäßig, Wolfsperger sitzt mit 30 000 Euro Schulden da und hofft auf Spenden. www.brundibar-derfilm.de

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