Kunst Die documenta 14 in Athen. Sie ist angekommen – aber wird sie auch angenommen?

Athen / Lena Grundhuber 07.04.2017

Documenta? Nein, davon habe er nur die Fahrgäste erzählen hören, sagt der Taxifahrer. In der Stadt sei davon nichts zu merken, und er kenne Athen wie seine Westentasche. Documenta? Nein, meint der Vermieter, davon wisse er nichts, und eigentlich sei er mit vielen Künstlern in der Stadt befreundet. Documenta? Man muss schon zu den Eingeweihten gehören, um die dezenten, schwarz-weißen Plakate an den Bushaltestellen wahrzunehmen, die für die wichtigste Kunstausstellung der Welt werben sollen. Die Öffentlichkeitsarbeit nimmt sich eher spartanisch aus, wenn man das in Athen so sagen darf.

Am Samstag eröffnet das künstlerische Großereignis in der griechischen Hauptstadt – zwei Monate, bevor ihr zweiter Teil am Ursprungsort Kassel seine Türen öffnet. Erstmals in der Geschichte bespielt die documenta damit nicht nur gleichberechtigt eine zweite Stadt, sondern lässt dem krisenversehrten Süden den Vortritt vor dem mächtigen Hegemon im Norden.

Infernalisches Stimmengewirr

Ein hochpolitisches Unterfangen, das in der Künstlerszene Athens trotzdem auf Kritik stößt: Man habe keine Lust, den Exoten für saturierte Westeuropäer zu spielen, man wolle nicht zum Fetisch eines romantisierten Widerstands gegen den Kapitalismus gemacht werden, so kann man da hören.

Ist die documenta nach Jahren der Vorbereitung in der Stadt angekommen? Die zweistündige Pressekonferenz am Donnerstag ließ einen zumindest zweifeln. Mit einem infernalisch unverständlichen Stimmengewirr hob die Veranstaltung an. Zum Empfang der Journalisten hatte sich die Künstler- und Mitarbeiterschar auf der Bühne zu einer kakophonischen Performance versammelt.

Ein Bild wohl für die experimentelle (Gegen-)Öffentlichkeit, die diese documenta mit ihrem „Parlament der Körper“ dem neoliberalen Zeitgeist, der Krise der Demokratien, auch dem Rechtsruck in Europa und anderswo entgegensetzen will. Dramatischer, emotionaler Höhepunkt: die Standing Ovations für den Auftritt der Freunde des in Kassel ermordeten mutmaßlichen NSU-Opfers Halit Yozgat. Ansonsten verloren sich die Ansagen wieder einmal im so weiten wie unscharfen Begriffs-Feld von Partitur und Klang, Narration und Migration, Diskurs und Geste.

Dabei formulierte Kurator Adam Szymczyk einen klaren politischen Anspruch. „Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen und als politische Subjekte agieren, anstatt das den gewählten Vertretern zu überlassen“,  forderte er. „Von Athen lernen“ bedeute vor allem, vorgefasste Meinungen aufzugeben, sagte Szymczyk. Und gab den Besuchern konsequenterweise den Ratschlag, nicht nur die großen Spielorte wie das Benaki-Museum oder das Nationale Museum für zeitgenössische Kunst (EMST) aufzusuchen, sondern auch die kleinen Locations.

 Das kann Arbeit werden bei einer documenta, die von Installationen und Performances geprägt ist. Wer viel sehen will, wird sich gründlich mit dem Stundenplan befassen müssen, zumal nicht jeder der rund 40 über die Stadt verstreuten Ausstellungsorte so leicht zu finden sein wird wie das Städtische Kunstzentrum im Parko Eleftherias. Dort, wo einst das Hauptquartier der Militärpolizei griechischen Diktatur war, liegen nun die weichen „Beton-Blöcke“ von Andreas Angelidakis, bereit, sich zu einem neuen Raum strukturieren zu lassen.

Im Athener Konservatorium etwa gewinnt man einen Eindruck von dem Augenmerk, das diese documenta auf die Belange indigener Gruppen richtet: Im Garten hat der samische Künstler Joar Nango ein Zeltlager mit Fellen aufgebaut, während von drinnen die Klänge aus einer Installation der deutsch-türkischen Künstlerin Nevin Aladag dringen. Sie macht Möbel zu Musikinstrumenten, verwandelt Kochtöpfe in Percussion-Körper, spannt Saiten auf Schränkchen.

Bewegungspartitur

Das antike Erbe Athens wird unter anderem auch von einem deutschen Duo namens Prinz Gholam reflektiert, das eine „Bewegungspartitur“ am Zeus-Tempel und an der antiken Agora vollführen will – und schließlich nach Kassel exportiert, wo die argentinische Künstlerin Marta Minujin ihren Parthenon der verbotenen Bücher aufbaut.

Wenn jetzt am Wochenende vier Reiter von der Akropolis herab ihren spektakulären Ritt durch ganz Europa nach Kassel antreten, dann hat die Reise für Adam Szymczyk gerade erst begonnen. Die documenta, so beschreibt es der Kurator, sei eine Exploration, sie will sich offenbar selbst als Experiment mit ungewissem Ausgang verstanden wissen. „Wir werden scheitern“, so steht es im Vorwort der öffentlichen Programme geschrieben, „aber wir versuchen es.“

Die wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst

Geschichte Sie gehört zu den weltweit bedeutendsten Kunstausstellungen und ist die wichtigste für zeitgenössische Kunst: die documenta in Kassel. Im Abstand von fünf Jahren fasst sie nicht nur aktuelle Tendenzen moderner Kunst zusammen, sondern ist auch Ort für neue Ausstellungskonzepte. Das „Museum der 100 Tage“ wurde 1955 von dem Maler und Kunstprofessor Arnold Bode begründet – es war damals als Beiprogramm zur Bundesgartenschau gedacht. Bode wollte vor allem die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamierte Kunst zeigen. Wegen ihres großen Erfolgs wurde die Ausstellung zunächst im Vierjahresrhythmus wiederholt. Zählte die erste documenta 130 000 Besucher, steigerte sie sich kontinuierlich auf zuletzt mehr als 860 000 bei der 13. Ausgabe im Jahr 2012.

Politikum Mit der „d5“ 1972 wurde die Schau politischer und zeigte sich nur noch alle fünf Jahre. Zudem änderte sie ihr Konzept: Seitdem hat jede Ausgabe einen neuen künstlerischen Leiter, der über große Freiheiten verfügt. Bei der documenta 14 in diesem Jahr ist das der Pole Adam Szymczyk, der die Kunstschau gleichberechtigt in Athen und Kassel stattfinden lässt – ein Novum in der documenta-Geschichte. dpa

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