Ulm Dirigent Timo Handschuh im Interview: "Von ganzem Herzen Musiker"

Timo Handschuh mit der Partitur seiner Messe D-Dur für den katholischen Kirchenchor Langenau.
Timo Handschuh mit der Partitur seiner Messe D-Dur für den katholischen Kirchenchor Langenau. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / JÜRGEN KANOLD 15.09.2016
Wie lange bleibt er in Ulm noch Generalmusikdirektor? In Langenau zeigt sich der Dirigent Timo Handschuh jetzt erst mal als Komponist einer Messe. Am Sonntag wird seine Messe D-Dur im Gottesdienst uraufgeführt.

So mancher Theatergänger wundert sich gelegentlich,  den Ulmer Generalmusikdirektor auch im Gottesdienst anzutreffen: als Organisten im Münster und vor allem in der katholischen Kirche in Langenau. Timo Handschuh aber ist vom Fach: auch ein studierter Kirchenmusiker. Als er in Stuttgart an der Staatsoper als Assistent Manfred Honecks seine Dirigentenkarriere startete, hatte er zunächst nebenher noch eine halbe Stelle als Kirchenmusiker. Erstmals tritt Handschuh jetzt als Komponist in der Region auf, mit einer Messe in D-Dur, die in Langenau in einem Festgottesdienst uraufgeführt wird.

Kurz vor dem Saisonstart am Theater Ulm mit Giacomo Puccinis sehr weltlichem Liebesdrama „Manon Lescaut“ dürfen wir Sie als Komponisten einer katholischen Messe erleben.

TIMO HANDSCHUH: Die Kirchenmusik war immer ein wichtiger Teil meines Lebens, mich reizt diese musikalische Vielfalt.

Sie verehren, wie man oft schon in der Oper hören konnte, das Werk Giacomo Puccinis. Wie klingt Ihre eigene Musik?

HANDSCHUH:  Sie ist spätromantisch, tonal. Ein gesunder Klang, der Chor muss diese Musik auch singen können.

Welche Werke haben Sie schon komponiert?

HANDSCHUH: Ein Kirchenmusiker braucht immer etwas. Da stirbt der Pfarrer, dann muss ich ein Requiem schreiben, oder fürs Kirchenfest eine Festmesse. Für das Pforzheimer Kammerorchester komponierte ich zuletzt ein Kindermusical,  das dort noch immer läuft. Orchesterlieder gibt es auch einige, ich mag die Stimme sehr.

Und eine Oper?

HANDSCHUH: (lacht) Nein, natürlich nicht, da müsste ich ein ganzes Jahr Urlaub  nehmen.

Welche Bedeutung hat das Komponieren für Sie?

HANDSCHUH: Ich begreife meinen Beruf ganzheitlich, ich bin aus tiefstem Herzen Musiker, es ist egal, ob ich dirigiere, die Orgel spiele oder komponiere.

Wann haben Sie überhaupt Zeit für das Komponieren?

HANDSCHUH: Diese Messe in D-Dur skizzierte ich, als mich im Januar die Inspiration während der Neujahrskonzerte überkam, am Klavier in einer Woche. Im April entstanden die Chorstimmen in zwei, drei Wochen. Dann im Sommer brauchte ich noch einmal eine Woche für das Orchestermaterial. Ich habe alles von Hand geschrieben, nicht am Computer. Ein Klavier, ein Notenblatt, ein  Bleistift, so entsteht die Musik. Komponieren ist für mich ein Handwerk. Wer das so macht, weiß, wie viel Arbeit das ist, und bekommt einen unglaublichen Respekt davor, wie Bruckner seine riesigen Sinfonien oder Mozart seine Opern komponierte: Note für Note, Taktstrich für Taktstrich. Die hatten auch keine elektronischen Medien.

Welchen Dirigenten, der auch ein bedeutender Komponist war, bewundern Sie am meisten?

HANDSCHUH: Leonard Bernstein, zweifellos. Weil er vollkommen lebendig und authentisch komponierte, vom ersten bis zum letzten Ton voller Esprit und Elan.

Zurück zu den Aufgaben des Generalmusikdirektors am Theater. Die Stadt Ulm sucht einen neuen Intendanten, 2018 läuft auch Ihr Vertrag aus. Bleiben Sie?

HANDSCHUH: Ich warte jetzt mal bis Ende des Jahres, ich muss wissen, welche Vision der künftige Intendant oder die künftige Intendantin für das Musiktheater und die Konzerte hat. Es waren ja zuletzt Schauspielintendanten am Ulmer Theater, wir sollten jetzt den Stellenwert der Musik weiter ausbauen. Da möchte ich schauen, ob die Pläne zueinander passen.

Die Stadt und das Publikum würden Sie sicherlich sehr gerne behalten.

HANDSCHUH: Es gibt noch viele Ideen und Werke. Die Philharmoniker und ich sind noch nicht fertig. Aber wie gesagt, ich muss wissen, was mein Auftrag sein soll. Ich muss nicht um jeden Preis den Vertrag verlängern.

Ein viel diskutiertes Thema ist die tarifliche Einstufung der Philharmoniker. Weshalb sollte das Orchester von der C- in die B-Klasse befördert werden?

HANDSCHUH: Es geht nicht primär um die Planstellen und darum, dass die Stadt sofort die Orchesterstärke von 56 auf 66 erhöht. Das wird sie auch sicher nicht tun. Aber das Thema ist von enormer Wichtigkeit für das Orchester, weil wir in der nächsten Zeit vor einem Generationswechsel stehen, zehn Stellen nachbesetzen müssen. Und wenn wir Stellen für ein B-Orchester ausschreiben, ist die Qualität der Bewerber deutlich höher. Wir werden da manchmal belächelt, manche Musiker reagieren gar nicht erst auf die Ausschreibung einer C-Stelle, und manche, die kommen, spielen derart schlecht, dass wir die Probespiele nach kurzer Zeit abgebrochen haben.

Tatsächlich?

HANDSCHUH: Ja, was glauben manche Musiker eigentlich, wer wir sind? Wir spielen Bruckner-Sinfonien und große Opern wie den „Lohengrin“, da wird technisch so viel verlangt wie am Staatstheater. Dieses „C“ muss weg, das ist ein Stigma, als ob wir hier vollkommen in der Provinz wären. Aber wir haben extreme Ansprüche.

Sicher auch bei der Aufführung von „Manon Lescaut“, der ersten Saisonpremiere am Theater.

HANDSCHUH: Das war seine erste erfolgreiche Oper, aber schon der ganze Puccini ist drin. Faszinierend. Ich mag an Puccini diese Süße der Musik, die nicht kitschig ist. Man muss aber damit haushalten, darf nicht die ganze Oper mit Zucker übergießen. Puccini zu genießen, das ist wie bei einem großen Buffet: Man sollte nicht bei der Vorspeise stehen bleiben und sich den Magen vollschlagen, es gibt später noch mehr tolle Sachen.

Festgottesdienst in Langenau

Jubiläum Der katholische Kirchenchor Langenau feiert sein 70-jähriges Bestehen am Sonntag, 10.30 Uhr, in der Kirche Mater Dolorosa mit einem Festgottesdienst. Thomas Steiger, Präses des Diözesan-Cäcilienverbands (DCV) Rottenburg-Stuttgart, verleiht zudem Ulrike Blessing den Ehrentitel „Chordirektorin DCV“. Sie  hat an der Musikhochschule Stuttgart Klavier, Gesang und Dirigieren studiert und den Langenauer Kirchenchor 1989 noch als Studentin übernommen. Zu diesem Anlass hat der in Langenau mit seiner Familie lebende Timo  Handschuh die „Messa sublime amore“ (Messe der erhabenen Liebe) komponiert. Mitwirkende der Uraufführung sind auch ein Streichorchester der Ulmer Philharmoniker, die Sopranistin Maria Rosendorfsky sowie Handschuh selbst an der Orgel und den Glocken.

 

Der Komponist Timo Handschuh wurde 1975 in Lahr geboren. Er studierte zunächst Kirchenmusik in Stuttgart und danach Dirigieren  in Freiburg. 2011 wurde er Generalmusikdirektor am Theater Ulm.