Komposition Dieter Schnebels Spätwerk „Utopien“

Schwäbisch Gmünd / Thomas Ziegner 20.07.2018

Sechs Jahre lang mindestens hat Dieter Schnebel (1930–2018), einer der wirkungsmächtigsten Komponisten unserer Zeit, am Spätwerk „Utopien“ gearbeitet; teils es sich abgerungen, teils wurde es ihm abgenötigt, vornehmlich vom Dramaturgen Roland Quitt. Nirgendwo ist das vermerkt, wohl aber der Aufführung in der Johanneskirche zu Schwäbisch Gmünd anzumerken. Trotz der vortrefflichen Neuen Vocalsolisten Stuttgart und des ebenso virtuosen fünfköpfigen Instrumentalensembles, unter anderen Theo Nabicht (Kontrabassklarinette) und Kai Wangler (Akkordeon).

Schnebel war gern gesehener Gast des Festivals Europäische Kirchenmusik, beruflich und freundschaftlich dem ebenfalls in diesem Jahr gestorbenen Gründungsintendanten Ewald Liska verbunden. 1999 erhielt er den Preis des Festivals, die Aufführung der „Utopien“ hatte Liska sich gewünscht. Nachfolger Klaus Stemmler, lange Jahre Festival-­Geschäftsführer, will Liskas Programmlinie fortsetzen und das Angebot der ästhetischen Genres behutsam erweitern. Neue (geistliche) Musik hatte stets ihren Raum in Schwäbisch Gmünd, und dabei soll es bleiben, sagt er.

Schnebel war 78 Jahre alt, als er mit den „Utopien“ begann. Manches klang, als seien enttäuschte Hoffnungen der 68er-­Jahre ebenso einkomponiert wie das Scheitern, allerdings passagenweise großartige Scheitern seines Vorsatzes, Textschnipsel von Bloch, Descartes, Morus und anderen unterm notwendigerweise ziemlich unbestimmt bleibenden Begriff der Utopie mit musiktheatralischen Performances zu kombinieren.

Weltliteratur mit Dialekt?

Selbst längliche Minimal-Music-­Strecken schrieb Schnebel, repetitive Verfahren, die er früher selten und sehr knapp nutzte. Szenen von großer visueller Kraft (Regie: Matthias Rebstock, Ausstattung Sabine Hilscher) gelangen besonders im zweiten und dritten Abschnitt, verbunden mit großer, gleichsam mit unspektakulärem Schmerz getränkter Musik. Betörender Wohllaut begleitete weite Passagen eines „Liebende“ genannten Zwischenstücks mit Texten von Sappho und Octavio Paz. Die szenische Darstellung des Paz-Textes allerdings mißriet, weil die dort geschilderte quasi mystische Erfahrung nur einem Einzelnen, nicht aber einer Gruppe möglich ist.

Überhaupt wären für wünschenswerte Wiederaufführungen sowohl Kürzungen wie Ergänzungen zu empfehlen. Und doch vielleicht darauf zu verzichten, einigermaßen wichtige Texte der Weltliteratur einem Rezitator mit Dialekt-Einschlag zu überlassen.

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