Augsburg / Moritz Clauß Jessica Hock erweckt Holz zum Leben. Sie fertigt Figuren, schneidert Kostüme und lenkt Horst Seehofer. Ein Besuch in der Augsburger Puppenkiste.

Die Tomate rockt an der Gitarre. Am Schlagzeug gibt der Lauch den treibenden Beat vor. Der korpulente Brokkoli singt aus Leibeskräften ins Mikrofon. Mit „Let Me Entertain You“ von Robbie Williams groovt sich die Gemüseband in Ekstase. Beim Refrain geben auch die sieben Karotten des Chors alles, sie wippen wild im Takt.

Von oben blickt Jessica Hock konzentriert auf das Geschehen. Die junge Puppenspielerin steht mit gebeugtem Rücken auf einer der zwei Spielbrücken über der Bühne. Hock streckt ihren Oberkörper über das Brückengeländer, zupft rhythmisch an den Fäden und erweckt so die Tomate mit den schlaksigen Beinen zum Leben. In ihrer rechten Hand hält die 26-Jährige das hölzerne Spielkreuz, um Zeige- und Mittelfinger hat sie einen Faden gewickelt, daran hängt der Tomatenkopf. Links und rechts der Bühne baumeln Dutzende Marionetten von der Decke. Einhörner, Aliens, Menschen.

Es ist die vierte Generalprobe des Kabaretts der Augsburger Puppenkiste – für jedes Stück gibt es mehrere Besetzungen, sodass nie eine Vorstellung ausfallen muss. Das bekannteste Figurentheater Deutschlands verbinden viele zwar vor allem mit Kinderfilmen und Märchen. Doch es gibt dort auch ein Programm für Erwachsene. Die Puppenkiste hat „Die Dreigroschenoper“ und „Don Giovanni“ auf die Bühne gebracht. Jedes Jahr gibt es ein neues Kabarett.

Alle Marionetten sind handgemacht

Die Marionetten der Kiste sind handgemacht. Der Kopf – aus weichem Holz geschnitzt. Linde. Der Oberkörper – ein hölzernes T. Die Arme aus beweglichen Schläuchen. Dazu Beinchen, Händchen, Füßchen aus Holz. Hosen, Röcke, Mäntel. Alles selbst geschnitzt, genäht, gebastelt. Die Puppenspieler schreiben auch eigene Fassungen von Märchen, das Kabarett entwickeln sie jedes Jahr gemeinsam.

Jessica Hock liebt diese Vielseitigkeit an ihrem Beruf. Für das Kabarett hat sie gemeinsam mit einem Kollegen drei menschliche Zirbelnüsse gebaut. Der Pinienzapfen schmückt das Stadtwappen Augsburgs. Einer Zirbelnuss-Frau im grünen Kleid haben sie glänzende, große Augen und einen Kussmund spendiert.

Jessica Hock hat die Zirbelnuss-Frau gemeinsam mit einem Kollegen gebaut.
© Foto: Moritz Clauß

Die Band spielt zwei Konzerte in der Region bei einer Reunion nach 35 Jahren.

Als Kind war Hock nur selten in der Augsburger Puppenkiste. Gemeinsam mit ihren Geschwistern spielte die Augsburgerin aber mit einem Handpuppentheater. Später studierte sie in München Theaterwissenschaften. 2015 bewarb sie sich für ein Praktikum in der Kiste, wollte vor allem die Werkstätten kennenlernen. „Ich habe nicht geglaubt, dass ich im Puppenspiel Fuß fassen kann“, sagt die junge Frau.

Doch zufälligerweise suchten die Augsburger damals ein neues Ensemblemitglied. Hock machte ein zweiwöchiges Praktikum und wusste sofort: „Das wär’s!“ Seitdem ist sie dabei. Die Puppenkiste stellt auch unerfahrene Spieler ein – sie lernen bei der Arbeit. Bis zur ersten Hauptrolle kann es fünf Jahre dauern, manchmal auch länger. Jessica Hock hat bisher nur Nebenrollen gespielt. Sie übt viel, auch zuhause, damit sich das bald ändert.

Mittlerweile gibt es 6000 Marionetten

In der Pause und nach der Generalprobe besprechen die Künstler, was sie verbessern müssen. Der Puppenspieler Phil Bierbrauer hat die Probe beobachtet, mit einem Filzstift Notizen gemacht. Bei einer Szene mit einem Skelett müsse man aufpassen, dass es nicht beide Hände vor seinen Schritt halte, sagt Bierbrauer. „Das sieht aus, als ob es aufs Klo muss.“

Beim Marionettenspiel nutzen Hock und ihre Kollegen oben auf den Brücken geschickt ihre Finger, Hände und Arme. Unten auf der Bühne tänzeln die Figuren. Fliegen, gestikulieren, müssen unverhofft aufs Klo. Unten und oben – in der Puppenkiste gibt es zwei Welten, verbunden nur mit dünnen Fäden.

Vom Zuschauerraum aus sieht man die Puppenspieler meist nicht. Nur die Marionetten. Mehr als 6000 gibt es mittlerweile in der Puppenkiste. Viele werden auf dem Dachboden des Theatergebäudes aufbewahrt. In abgedunkelten Räumen hängen sie, sortiert nach Stücken und Geschlechtern. Die Politikerpuppen haben Wechselköpfe, erklärt Jessica Hock. Der Kopf kann abgenommen und auf einem anderen Körper angebracht werden. Das spart Schnitzarbeit. Nur Angela Merkel hat mittlerweile einen zweiten Kopf. Sie ist schon so lange Kanzlerin, die Gesichtszüge der Puppe wirkten irgendwann zu jung.

Viele der Marionetten haben große Augen, einen markanten Mund, keine Mimik. Der Blick, die Mundwinkel, die Stirn – alles reglos. Dabei verbinden die Zuschauer die Figuren mit dem Gegenteil: mit Geschichten rund um Freundschaft, Liebe, Zusammenhalt.

„Besonders wichtig ist der Kopf“, sagt Jessica Hock. Der Kopf des Zuschauers, der seine Phantasie bemühen muss. Bemühen darf. Der interpretieren kann, was sich vor seinen Augen abspielt. Und der Kopf der Puppe, der mit seiner Haltung Emotionen transportieren kann. Senke eine Puppe ihren Kopf, sei sie niedergeschlagen, sagt Hock. „Man braucht nur eine Geste, um diese Emotion auszudrücken.“

Auf Tour bleiben die Originale daheim

Sehr beliebt bei den Zuschauern sind die A-Promis der Puppenkiste – etwa das Urmel und der Kasperl. Beide Kistenstars haben Doubles. „Wenn wir auf Tour gehen, nehmen wir die Originale nicht mit“, sagt Hock. Die Puppenkiste tritt auch in Schulen, in Kindergärten oder bei Firmen-Events auf. Der Kasperl ist sowieso besonders: Er hat nicht nur Fäden an den Knien, sondern auch an den Schuhen. Die meisten Marionetten können nur laufen, der Kasperl kann auch mit den Füßen wackeln.

Horst Seehofer kann das nicht. Im Kabarett betritt der Minister als Seehofix ein unbeugsames bajuwarisches Dorf. Stapft vorbei an kleinen Nurdach-Häuschen, wie man sie aus den Asterix-Comics kennt. Auf seinem Holzkopf thront ein blau-weiß kariertes Helmchen. Oben auf der Brücke läuft Jessica Hock leise mit, ­steuert jede Bewegung des Ministers.

Am Wochenende kann in Stuttgart die Designermesse „Blickfang“ besucht werden.

Neben Seehofix stehen Söderix und Aiwangix. „Wisst‘s ihr zwei Vollhorste, wie ein Bajuware bei den nächsten Oberhäuptlingswahlen den Platz von der Majestria Merkeline einnehmen kann?“, fragt der Holzhorst. Der Ton kommt vom Band. Früher haben die Puppenspieler live gesprochen. Doch gebückt spielen und gleichzeitig sprechen funktioniert eher schlecht.

Wenn die Bajuwaren auf der Bühne nah beieinander stehen, rücken auch die Künstler auf der Brücke eng zusammen. Immer wieder reichen sie die Spielkreuze weiter. Manchmal lenkt ein Spieler zwei Figuren, manchmal lenken drei eine. Als Seehofix nach hinten läuft, übergibt Jessica Hock das Spielkreuz mitten in der Bewegung einem Kollegen auf der zweiten Brücke.

Später tritt ein Clown mit orangenen Haaren und grünem Zylinder auf. Mit beiden Händen nimmt er seinen Kugelkopf vom Rumpf, hält ihn in die Höhe. Dann hebt sich über der Bühne ein schwarzer Vorhang. Nun kann auch der Zuschauer die Puppenspieler sehen. Jessica Hock und zwei Kollegen beugen sich von der Spielbrücke. Zu dritt kontrollieren sie gekonnt den Clown, der seinen Kopf auf den Füßen balanciert. Sie bewegen die Fäden, malen dabei mit ihren Händen und Fingern unsichtbare Zeichen in die Luft. Was sie bedeuten, versteht der Laie nicht. Den Zauber sieht er. Unten und oben.

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Karten sind heiß begehrt

Die Kabarett-Vorstellungen der Augsburger Puppenkiste sind meist Wochen im Voraus ausgebucht. Aktuell gibt es unter anderem noch Tickets für den 19. März, 27. März und 28. März. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Für die meisten anderen Aufführungen gibt es noch Restkarten an der Tageskasse.

Tickets können online unter augsburger-puppenkiste.de sowie telefonisch unter der Nummer 0821 450 345-40 reserviert werden. Das Kartentelefon der Puppenkiste ist Dienstag bis Samstag, 10 bis 13 Uhr, sowie zusätzlich Donnerstag, 17 bis 19 Uhr, erreichbar.