Marbach Die Seele des Archivs

Marbach / JÜRGEN KANOLD 05.06.2015
In die "Seele" des Deutschen Literaturarchivs führt die neu gestaltete Dauerausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne: also zu den faszinierenden Dingen, hauptsächlich zum beschriebenen Papier.

Ein leeres Schulheft hatte Siggi Jepsen zunächst abgegeben, als er einen Aufsatz über "Die Freuden der Pflicht" schreiben sollte. Jetzt sitzt er in seiner Zelle und bringt die Geschichte seines Vaters zu Papier, der als Polizist unter den Nationalsozialisten pflichttreu handelte und damit viele ins Unglück stürzte. Eine beklemmende "Deutschstunde" - und ein großer Roman, den Siegfried Lenz 1968, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung, veröffentlicht hatte.

"Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben", beginnt das erste Kapitel - und niedergeschrieben ist der Satz auf einem linierten Blatt eines Schulhefts, mit blauem Kuli, sauber. Nur ein paar Wörter sind durchgestrichen, verbessert, als hätte die Romanfigur Siggi dem Autor seinen ins Reine geschriebenen Aufsatz abgegeben. Siegfried Lenz jedenfalls schrieb an seiner "Deutschstunde" vier Jahre lang, Zeile für Zeile, als ein Mann "von beharrlicher Bescheidenheit", wie Fritz J. Raddatz in seinem Nachruf auf Lenz konstatierte. "Ein Zeilenglück". so steht's pointiert auf einer Glasvitrine, in der die Manuskriptseite liegt.

Die "Deutschstunde" ist eines von 280 Exponaten und eine von 280 Geschichten aus dem 20. Jahrhundert, die das Marbacher Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in seiner neuen Dauerausstellung erzählt. Ja, man könnte endlose Stunden dort verbringen - staunend. Aber dann braucht's den Katalog oder die Museums-App auf dem Tablet. Damit lässt sich weiterlesen, erkunden, weiterdenken. Ein Doppelpass von realen "Dingen" und virtueller Information.

Denn außer einer Objekt-Nummer, einer Jahreszahl, dem QR-Code für die Recherche und einer dürren Angabe wie "Zuckmayers Drehbuch ,Der blaue Engel'" adressieren nur treffliche "Einwortgebilde" das Exponat: "Spieleinsatz" etwa für eine Gabel aus Franz Kafkas Reisebesteck, die der Dichter beim Kartenspiel an einen Kutscher verloren haben soll. Unter "Sündentanz" findet sich der "Todestango", ein Entwurf zu Paul Celans Gedicht "Todesfuge"; unter "Schnappschuss" Fotos von Hermann Hesse beim Nacktbaden am Walensee.

Aber so ist das mit den literarischen Dingen in Marbach: Sie sollen "Grenzgänger zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem" sein, pure Schauobjekte, die den Besuchern zunächst einen poetischen Raum öffnen. Und das tun sie. Man darf in "Die Seele" des Deutschen Literaturarchivs blicken. So haben Ulrich Raulff und Heike Gfrereis die neu gestaltete Dauerausstellung überschrieben. Klingt romantisch, aber blaublumig geht es naturgemäß nicht zu in dem auf 18 Grad heruntergekühlten, eher verdunkelten LiMo. Wir sind auf Direktor Raulffs Schillerhöhe: "Relativ still und zurückhaltend, unbunt, unpädagogisch, aber sehr elegant" zeige sich die Schau - ein Seitenhieb auf das neue Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Keine audiovisuellen Medien, keine Großbilder, Texttafeln, keine musikalische Untermalung: Und doch sei nun alles weniger streng als in der 2006 mit dem LiMo eröffneten Dauerstellung.

Nun ja, "nexus" hieß der Raum bislang: vier Reihen mit Vitrinen, jeweils zwei Meter hoch und etwa 20 Meter lang, von 1250 Leuchtstäbchen illuminiert. Dazu gab's den spielbrettschweren multimedialen Museumsführer "M3", der ausgemustert wird. Jetzt stehen da 36 Vitrinen, zu Schau-Orten gruppiert und mit Jahreszahlen etikettiert. Der Inhalt: beschriebenes, bemaltes Papier, aber auch die Totenmaske Nietzsches oder die Wanderpfeife Uwe Johnsons. Vieles ist neu, auch weltliterarisch bestückt. Eine Seite aus Kafkas "Prozess" darf nicht fehlen, ein "Kronjuwel" des Archivs. Es sind 280 Exponate aus über 1400 Nachlässen mit rund 50 Millionen Blättern, Büchern und Gegenständen. Eine unfassbar große Seele haben die Marbacher - und von der Literatur beseelt verlässt der Besucher das Haus.

Die neue Marbacher Dauerausstellung

Eröffnung "Die Seele" heißt die neue Dauerausstellung des Literaturmuseums der Moderne in Marbach, sie wird am Sonntag, 11 Uhr, eröffnet. Zu sehen ist sie Di-So von 10-18 Uhr (das Schiller-Nationalmuseum nebenan hat die gleichen Öffnungszeiten). Der Marbacher Katalog 68 "Die Seele" kostet 30 Euro. www.dla-marbach.de

 

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