Oper Die Prophezeihungen der Hölle

Giftgrün: Anna Netrebko als Lady Macbeth.
Giftgrün: Anna Netrebko als Lady Macbeth. © Foto: Bernd Uhlig
Berlin / Christoph Müller 19.06.2018

So etwas gibt es in keiner anderen Stadt der Welt! Nämlich drei große Opernhäuser, die einmal im Jahr an drei Tagen direkt hintereinander drei Premieren raushauen, die alle vom Publikum frenetisch gefeiert werden. Zu recht.

Den Anfang machte die Deutsche Oper Berlin mit Rossinis surrealistisch absurder „Reise nach Reims“, die Jan Bosse entprechend aberwitzig in eine Krankenheilanstalt verlegt. Standing Ovations. Tags darauf in der Komischen Oper quirrlt es unter Barrie Koskys entfesselter Steptanz-Regie womöglich noch verzückt verrückter mit Schostakowitschs Oper über eine sich grotesk verselbständigende „Nase“ – ein Overkill an Übermut zu einer auch noch nach 90 Jahren avantgardistischen Musik.

Als Dritter im Bunde die Staatsoper. Sie vertraut für Verdis zappendusteren „Macbeth“ auf die zwei derzeit teuersten Gesangsstars, die der Markt hergibt: Anna Netrebko und Plácido Domingo. Seit 26 Jahren leitet Daniel Barenboim die Staatskapelle, die für ihren dunklen Klang berühmt ist. Und „Macbeth“ ist Verdis dunkel glühendste Oper, bei der eine Moll-Tonart in die nächste schwappt. Barenboim macht das fantastisch und legt besonderen Wert auf die bis zum Unhörbaren ausschwingenden leisen Stellen.

Regie geführt hat, kaum wahrnehmbar, Harry Kupfer. Auch er ein verdienstvoller Altmeister (82). Als Probenzeit gewährte man ihm nur zwei Wochen. Und die Generalprobe fand sechs Tage vor der Premiere statt, denn Anna Netrebko musste zwischendurch noch zu einem Auftritt ins heimatliche Sankt Petersburg. So ist das, wenn man Weltstars haben will.

Optisch freilich nur Altbackenes vom Bühnenbildner Hans Schavernoch. Lady Macbeth, also Anna Netrebko, langmähnig ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß, zuerst im Hosenanzug, dann schulterfrei und mit Schleppe, die sich auch mal kurz symbolisch ins Blutrote wendet, dann wird sie als vampige Madonna des Bösen giftgrün gewandet, schließlich im weißen Nachthemd.

Perfekter Gesang

Sie schafft es trotzdem, dass sich alle Blicke auf sie richten. Ihr gestisches Ausdrucksvermögen ist offensichtlich kaum gefordert und völlig sinnfrei. Für sie und ihren noch weniger spielfreudigen Gemahl stehen ein weißes Sofa und ein Sessel im Reichs­kanzlei-Art-Deco-Stil parat. Das ist ihr einziger Spielpartner. Wenn sie sich nicht aufs Sofa setzt, dann kniet sie darauf oder legt sich schon auch mal beim Singen der Länge nach auf des Sofas Rückenlehne.

Mehr action is‘ nicht. Muss ja auch nicht unbedingt, wenn sie nur schön singt. Und das tut sie perfekt. Allerdings fehlt alles hexenhaft Dämonische, Herrschaftsgierige, Unmenschliche, unbezähmbar Rauhe, schließlich Gebrochene und Todeswillige.

Schon eher sieht man Plácido Domingo das Unschlüssig-Verzagte des schwachen Gatten an. Er zeigt resignative Einsicht in seine Abhängigkeit von ihr. Domingo, sängerisch ist er ein Naturwunder. Der leicht gebeugte Ex-Heldentenor ist seit gut zehn Jahren als Bariton unterwegs. Er ist jetzt 77. Sofa und Sessel sind natürlich auch für ihn zum Ausruhen und Luftholen da.

Am Schluss lagert er auf einer schwarzen Breitwandbahre, das Leben als ein Nichts verfluchend. Für die Abschiedsarie bündelt er seine bis dahin schonend eingeteilten  Sangeskräfte und schmilzt in innigster Verdi-Melodik dahin. Das ist beispiellos! Noch weitere ausverkaufte Auftritte viermal an der Seite von Anna Netrebko, die altersmäßig seine Tochter sein könnte.

Info Die zweite Vorstellung von „Macbeth“ überträgt Arte am Donnerstag, 20.15 Uhr, live im Fernsehen.

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