Die Überraschung des Festivals ist eigentlich gar keine. Wer sich ein wenig über Faber informiert hatte, der konnte sich bereits ausrechnen, dass der erst 24-jährige Schweizer mit tiefgängigen Texten und seiner einmaligen Stimme den eindrucksvollsten Auftritt des 25. Obstwiesenfestivals hinlegen würde. Und so ist es dann auch: Dank der genialen Goran Koc y Vocalist Orkestar Band ist der Live-Auftritt von Faber noch deutlich besser als es seine Platte ohnehin schon ist. Posaune, Klavier und Drums machen die teils ruhigen Songs des Zürchers druckvoller, musikalisch spannender und deutlich tanzbarer.

Dabei ist am Freitagabend erstmal unklar, ob Faber am Samstag überhaupt spielen kann. Denn da muss das Gelände nach den ersten drei Bands um kurz vor 20 Uhr geräumt werden. Per Lautsprecherdurchsage werden die Besucher gebeten, das Gelände zu verlassen und sich in den Autos in Sicherheit zu bringen. Kurz darauf peitschen Starkregen und heftige Windböen übers Gelände, Blitze zucken über den Himmel.

Die Evakuierung verläuft ruhig, kontrolliert und friedlich, die Organisatoren sind gut vorbereitet: „Man macht sich im Vorfeld natürlich darüber Gedanken, wie man ein solches Gelände evakuiert“, sagt Organisator Clemens Wieser. Gegen 21 Uhr entscheiden Veranstalter, Polizei und Feuerwehr gemeinsam, dass das Programm weitergehen kann – allerdings nicht auf der großen Bühne. Die ist durch Wind und Regen zu stark beschädigt.

Danach steht wieder die Musik im Vordergrund. Das Merchandise-Zelt wird zur zweiten Bühne umfunktioniert. So wird der Auftritt des Berliner Duos Gurr zum kuschligen Wohnzimmerkonzert: Wer ganz vorne steht, muss nur seinen Arm ausstrecken, um die Künstlerinnen zu berühren. Noch voller wird es bei Granada. Die Österreicher singen in Mundart und sind im Wortsinn Stars zum Anfassen – als sich der Gitarrist mit seinem Instrument im Mikro-Ständer verheddert, hilft das Publikum beim Befreien mit.

Keyboarder zeigt Körpereinsatz

Die Neuentdeckung des Festivals sind Foreign Diplomats aus Montréal, die ihren differenzierten Pop mit vollem Körpereinsatz zelebrieren – samt Keyboarder, der in die Zeltkuppel klettert.

Klarer Höhepunkt des ersten Abends sind die schwedischen Indie-Rocker Johnossi. Schon beim ersten Hit, dem eingängigen „Air Is Free“, singt das Publikum lauthals mit und spätestens bei „Man Must Dance“ hat Sänger John Engelbert die Zuhörer auf seiner Seite. Es wird gehüpft, geklatscht, genickt, gewippt und getanzt.

Zurück zu Faber. Woher hat der Bubi mit den zerzausten Haaren und dem schlichten weißen Hemd nur diese Bühnenpräsenz? Da kommt Verschiedenes zusammen. Zum einen die Texte: Teils sind sie gesellschaftskritisch, teils sehr direkt, fast vulgär. Zum anderen die Spielfreude, die der Schweizer ausstrahlt: Bei „Brüstebeinearschgesicht“ singt er so kraftvoll, dass er am ganzen Leib zittert, kurze Zeit später tanzt er zu Balkan-Rhythmen über die mit Zimmerpflanzen dekorierte Bühne. Sicher spielt auch die Entspanntheit von Faber eine Rolle: Irgendwann überwindet ein Fan die Absperrungen und erklimmt die Bühne. Faber lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, spendet ihm erstmal eine dicke Umarmung. Danach organisiert er, dass Sören, so heißt der Mann, zurück ins Publikum springen kann – und zwar als Stagediver.

Bei einem so mitreißenden Auftritt haben es die Künstler, die nach dem Schweizer Liedermacher auftreten, schwer. Was die Stimmung angeht, kann die Hamburger Band Meute durchaus mithalten. Die elfköpfige Marschkapelle nimmt die Bühne mit ihren Blasinstrumenten komplett in Beschlag. Gespielt wird aber kein Uff-Tata, sondern druckvoller und tanzbarer Techno. Das Publikum hüpft, was das Zeug hält.

Die eigentlichen Headliner des Samstags aber kommen an die Herzlichkeit von Faber und die Meute-Show nicht ran: Das Elektro-Pop-Duo Hundreds macht eher minimalistische Musik, die Interaktion mit dem Publikum wirkt unterkühlt. So lockt das Geschwisterpaar nur relativ wenige Zuschauer vor die Bühne. Schade für Hundreds – für die insgesamt 12 000 Besucher aber wird dadurch der Abschied vom Obstwiesenfestival 2017 immerhin etwas leichter.