Heiße Luft überall. Nein, wir meinen nicht das Programm, sondern die dampfende Atmosphäre im Müller’schen Volksbad. Dort nämlich stehen sich die Leute bei Saunatemperaturen die Füße platt, um in das begehrte Wasser-Spektakel „Für immer ganz oben“ zu kommen.

Wer dann endlich einen Platz oben auf der Rundumbrüstung der prächtigen, stuckverzierten Schwimmhalle ergattert hat, erlebt – ja was eigentlich? Eine Badeoper? Einen Wellengesang? Eine Arschbomben-Performance?

Davon später. Sicher ist: Wir sind mitten in der Münchener Biennale angekommen – einem Avantgarde-Festival, das sich unter neuer Leitung komplett verändert hat. Schauen wir zurück: Bisher hatte der Salzburg-erfahrene Festival-Routinier und Komponist Peter Ruzicka die Biennale zu einem internationalen Labor für neues Musiktheater weiterentwickelt – mit viel philosophischem Feinsinn.

Jetzt ist alles anders. Mit Manos Tsangaris und Daniel Ott haben jetzt  jüngere Komponisten übernommen und  die Konzeption gründlich umgekrempelt. Statt bisher um die fünf Premieren  schickten sie gleich  15 Uraufführungen an den Start. Und heraus kommt ein bunt gemixtes Tableau aus Installationen, Performances, Interventionen, Dokumentarstücken und Wander-Opern. Fast vergessen: Ja, neues Musiktheater konventioneller Machart kommt auch vor.

Klar, diese neue Unübersichtlichkeit hat programmatische Hintergründe. Tsangaris macht gerne Stationentheater mit wanderndem Publikum, Ott bespielt ganze Hafenareale und Stadtviertel mit Musiktheater – wie 2009 die berüchtigte Stuttgarter Paulinenbrücke.

Auch das Erscheinungsbild der Biennale ist umgemodelt worden. Sie wirbt jetzt in trendigem Grafik-Design, ähnlich wie das Festival „Theater der Welt“: mit Buchstaben-Auslassungen und knallig in Rot-Weiß. Äußerlichkeiten? Nein, denn der Vergleich mit „Theater der Welt“ zeigt, wo die Reise hingeht – nicht mehr einzelne Neutöner mit ihren in einsamen Kämmerchen gebastelten Werken stehen im Vordergrund, sondern Stückentwicklungen von Teams aus Komponisten, Regisseuren, Bühnenbildnern und mehr. Tsangaris/Ott wollen interaktive, kollektive, multimediale und partizipative Formen erproben.

Aber zurück zur dampfig-schwülen Atmosphäre im knackvollen Müller’schen Volksbad: Das Schwimm-Musical „Für immer ganz oben“ hangelt sich entlang der gleichnamigen Erzählung von David Foster Wallace, bei der ein 13-jähriger Junge den Weg zum Sprungturm als rauschhaften Wachtraum erlebt. Die Komponistin Brigitta Muntendorf und der Regisseur Abdullah Kenan Karaca präsentieren ein Spektakel mit Schlagzeuggewittern, E-Gitarren-Sounds, Elternstreit-Szenen und sirenenhaft singenden (sowie munter paddelnden) Münchner Knabenchor-Sängern. Klanglich? Irgendwo zwischen Orff und Pink Floyd.

Apropos Carl Orff. Während Werner Egk ganz offen Hitlerjugend-Hits komponierte (und später prompt einen Persilschein als angeblicher „Gegner“ des NS-Regimes erhielt), hat Orff sich dazu hergegeben, eine „Ersatzmusik“ für den „Sommernachtstraum“ zu komponieren, um das populäre Werk des als jüdisch verfemten Mendelssohn zu verdrängen. Genoël von Lilienstern (Komposition) und Christian Grammel (Regie) machen die erschreckenden Kontinuitäten zwischen NS- und Nachkriegszeit zum Thema. Und ihr daraus entstandenes Projekt „Speere Stein Klavier“ ist eine tolle, turbulent-verrückte Musiktheater-Groteske geworden – mit zickigen Archivaren, zackigen Hitlerjungen und schrillenden NS-Mädels – eine der besten Produktionen des Festivals. Hier wird deutlich, dass die Biennale unter Tsangaris und Ott vieles von dem nachholt, was Rimini Protokoll oder René Pollesch in der Theaterszene schon lange entwickelt haben.

Auf Partizipation setzt wiederum „Gaach“ (steil), eine Volksoper, bei der die halbe Haidhausener Bevölkerung treppauf, treppab die Foyers des Kulturzentrums Gasteig bespielt – ein Mix aus Stationentheater, historischer Doku und Schnadahüpfl. Im Freien schließlich spielt sich „Phone Call to Hades“ ab: ein nächtlicher Spaziergang am Isarufer entlang, mit bizarren Operneinlagen, rätselhaften Echos aus Lautsprechern – und quer durchs Gesträuch huschenden Untoten aus mythischer Vorzeit. Sehr, sehr stimmungsvoll.

Fazit? Ein insgesamt starker Beginn. Die Biennale hat sich neu erfunden. So kann es weitergehen.

„Original mit Untertiteln“

Münchener Biennale Der Komponist Hans Werner Henze hat dieses  Festival für neues Musiktheater im Jahr 1988 gegründet. Geprägt hat er es mit seinem Faible für die Literaturoper.  Sein 1996 angetretener Nachfolger, der Intendant und Komponist  Peter Ruzicka, erweiterte das Treffen zu einer  multimedialen Experimentierplattform, deren Produktionen sich um Leitthemen wie „Virtuelle Realität“ (2002), „Labyrinth/Widerstand/Wir“ (2006) oder „Fremde Nähe“ (2008) gruppierten. Jetzt, im Jahr 2016, haben Manos Tsangaris und Daniel Ott die Leitung des Festivals übernommen. Auch sie haben ihr Einstands-Festival unter ein Motto gestellt: „OmU“ – Original mit Untertiteln. Es soll nun die Debatte um Begriffe wie Original, Werk und Autorenschaft weiterführen. op