Die Kultur der Stadt ordnet sich neu. Auch an den Schauspielbühnen, die sich als „Publikumstheater“ mit „höchstem Zuspruch“ verstehen, gab es einen Leitungswechsel. Nach Manfred Langner ist nun Axel Preuß Intendant am Alten Schauspielhaus und an der Komödie im Marquardt. Neben dem Abendspielplan kümmert er sich auch um leisere, undramatische Zwischentöne. „Der poetische Sonntag“ heißt eine vier Mal pro Saison angesetzte Matinee-Reihe, bei der Hermann Beil mit Schauspielern Literatur präsentiert.

Das ist durchaus ein kleiner Coup: Denn der 77-jährige Beil gilt als einer der prägendsten Dramaturgen des deutschsprachigen Theaters. Seit Claus Peymanns Stuttgarter Ära 1974 bis 1979 blieb er über Jahrzehnte hinweg dessen treuer Weggefährte, auch in Bochum, an der Wiener Burg und am Berliner Ensemble. Jetzt, zur Premiere der Sonntags-Erbauung in Stuttgart, las Beil im Duett mit dem 80-jährigen Burgschauspieler Martin Schwab, der zuletzt hier als König Lear in Peymanns Regie zu erleben war.

Der funkelnde Esprit, mit dem dieses Duo Texte von Walter Jens vortrug, ließ an das Beil’sche Credo denken: „Theaternarren leben länger.“ Dabei waren es sehr spezielle Texte, genauer gesagt „erdachte Monologe und imaginäre Gespräche“. Kurz, Gedanken zwischen Realität und Fiktion, erfundene, aber denkbare Reden, vorgetragen mit großer Lust am Spiel der Möglichkeiten. Da begegnen sich etwa Lessing und Heine, deren Lebenszeiten sich bekanntlich nicht überschnitten, und führen „Totengespräche“. So entsteht ein launiger Dialog: Schwab gibt den gelehrten Lessing, der sich am Licht der Vernunft ergötzt, während Beil als Schwarmgeist Heine viel lieber nächtliche Mondschein-Mystik schätzt.

Oder Judas tritt auf, der zum „Verräter“ abgestempelte Jünger Jesu, und hält eine flammende Verteidigungsrede, in der er sich als Helfer und „Erlöser“ Jesu rehabilitiert. Geradezu abenteuerlich wird es, wenn in Jens‘ Geschichten auch noch Bertolt Brecht in der griechisch-antiken Unterwelt landet, wo er nach einem strengen Verhör einen Ehrenplatz neben Euripides erhält. Alles in allem: spannende Gedankenspiele, in denen Beil und Schwab mit ansteckender Leselust auch viel Witz und utopisches Potenzial entdecken.