Ballett Stuttgarter Opernhaus: Die Kunst der Verführung

Publikumsliebling Friedemann Vogel in Maurice Béjarts „Bolero“.
Publikumsliebling Friedemann Vogel in Maurice Béjarts „Bolero“. © Foto: Stuttgarter Ballett.
Stuttgart / Wilhelm Triebold 06.02.2017

Als ob sich das Stuttgarter Ballettpublikum noch groß verführen lassen müsste! Es ist auch so jedes Mal  hin und weg angesichts einer solch phantastischen Compagnie –  die zuletzt allerdings tatsächlich mehr weg  war als hier, wo sie hauptsächlich hin gehört (und wo sie auch gerne ist).

Die Auftritte zuhause  sind in der Regel kostbar arrangierte Heimspiele, von den Fans auch dankbar ausgekostet. „Verführung!“, mit dem nötigen Ausrufe-Nachdruck versehen, heißt der Vierteiler, vor dessen letztem Teil die Premierenzuschauer nicht nur artig klatschten, sondern vorfreudig aufjauchzten: der „Bolero“! Von Béjart!! Mit Friedemann Vogel!! Vogel ist der Superstar der Ensembles. Publikumsliebling, Schwiegermuttertraum, Sonnyboy und ein begnadeter Tänzer. Mit ihm ist Maurice Béjarts  unübertreffliches Verführungskunststück ein sich stetig steigernder, aufputschender  Rausch, aus dem anfangs ausgeleuchteten Handgelenk und  der sacht wippenden Fußspitze heraus. Bis hin zur ekstatischen Gefolgschaft eine reine Männerrunde. Der Volkstribun auf dem Präsentierteller, der magische Demagoge des Tanzes, er hat es dann irgendwann, sein ganzes Fußvolk –  und das im Opernhaus-Parkett samt allen Rängen sowieso. Grenzenloser Jubel.

Béjarts „Bolero“ ist auch in Stuttgart der Inbegriff der Verführungs-Macht. Der Begriff ist verschieden zu deuten: Verführung kann sinnlichen Reiz und Anziehungskraft bedeuten, aber auch Verlocken und Versuchen, gar Manipulation oder Machenschaft. Von negativen  Mächten möchte  die einzige Uraufführung des Abends erzählen. Allerdings scheucht  Katarzyna Kozielskas  „Dark Glow“  etwas belanglos einige standhaft aufbegehrende Individuen, über denen  damokleshaft eine riesige Flutlichtdecke schwebt,  zum  schwarz uniformierten Massentrott. Die dürftige Botschaft: Moderne Technik verleitet zu entseelter Roboter-Gleichförmigkeit.

Deutlich ergiebiger sind zwei Stuttgarter Erstaufführungen, die vor über sieben Jahren entstanden und beide dem größten Tanz-Verführer aller Zeiten huldigen – Vaslav Nijinsky. Dessen „Faun“-Solo nach Debussys Musik biegt sich Sidi Larbi Cherkaoui zum Adoleszenz-Tänzchen zwischen unschuldigem Jüngling und erotischer Mädchen-Phantasie zurecht: Pablo von Sternenfels und Hyo-Jung Kang verknoten und verschlingen sich so bieg- und schmiegsam, dass es eine pure Lust ist.

Auch Marco Goecke hatte sich ja in seinem Theaterhaus-„Nijinski“ dessen „Faun“ zugewandt,  allerdings mehr als homoerotischem Abenteuer. Mit „Le Spectre de la Rose“ wurde damals noch ein weiteres Vorzeigestück des russischen Tanzgottes herbeizitiert.  Goeckes  umfänglichere Version für Monte Carlo zeigt seine hyperkinetische Trippel- und Zappel-Truppe wiederum in Höchstform:  Selbstkasteiend-irrwitziges  Highspeed-Spektakel als hechelnde,  fächelnde Geisterbeschwörung. Auch dies ist, keine Frage, hohe Verführungskunst.

Info Acht weitere Vorstellungen im Februar (die nächste am Dienstag, 07. Februar) sowie zwei Mal im März.

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