Stuttgart / Otto Paul Burkhardt  Uhr

Weihrauch-Düfte wallen durch den Zuschauerraum, dazu dröhnt wuchtig Bachs Passionschor „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“, und am Saalhimmel leuchtet ein Firmament von gefühlt tausend roten Stablämpchen. Ganz klar, Regisseur Kay Voges, der uns im Schauspielhaus Stuttgart das „1. Evangelium“ verkünden will, und zwar „frei nach Matthäus“, fährt hier jede Menge sakraler Überwältigungsstrategien auf. Tags darauf erkundet sein Kollege Jan-Christoph Gockel im Kammertheater Herman Melvilles „Moby Dick“, eine Walfängerstory, deren biblisch-philosophischer Gehalt bis heute beschäftigt (siehe Info). Kurzum, das Schauspiel unter Intendant Armin Petras, der im Sommer aufhört, geht noch einmal in die Vollen, zoomt die großen Fragen heran und bietet dazu namhafte Gastregisseure auf: Am Freitag und Samstag war Premiere.

Multimediales Traum-Szenario

Zurück zum „1. Evangelium“. Unfassbar, was es da alles auf der überbordend vollgerümpelten Bühne zu entdecken gibt: ein multimediales Mega-Panorama zwischen Hieronymus Bosch und Frank Castorf tut sich auf, Fellini, Pasolini und Godard lassen grüßen. Was erkennen wir? Ein Traum-Szenario mit Kreuzigungs-Szenen und Golgatha-Gängen. Aber auch einen Dreh-Ort, an dem ein Regisseur die Bibel in B-Movie-Manier verfilmt und die in blutigen Nahaufnahmen abgedrehte Geburt Jesu unterbricht: „Cut! Ihr wart super!“

Engel, Römer und Kamera-Leute irren durchs Bild. Zudem ist die Bühne auch eine säkulare Gegenwarts-Szenerie mit Kneipen („Paradise“), „Movie“-Studios, Klinikzimmern, Wohnwagen und Autowracks – Chiffren für die vielbeschworene transzendentale Heimatlosigkeit. Immer wieder geistern Texte von Walter Benjamin über Nick Cave bis hin zu Tocotronic dazwischen. Und das alles wird vervielfältigt durch Videoscreens, die aus dem Innern der Räume übertragen. Dieses kolossale Drehbühnen-Panorama (Michael Sieberock-Serafimowitsch) rotiert zwei Stunden lang in langsamer, majestätischer Unerbittlichkeit. Man kann sich gar nicht satt sehen. Kino? Theater? „Kinater“, wie es mal über Voges hieß? Es ist viel mehr: ein Volle-Kanne-Bilder-Rausch. Schillernd, exuberant, wahnwitzig.

 Schwere Kost in irrlichternder Vielfalt. Gut, der Bilder-Rausch hängt manchmal durch. Dann muss der Produzent (Holger Stockhaus) den labernden Regisseur (Paul Grill) einbremsen: „Wenn du so weitermachst, wirst du nie fertig – das Budget ist zu Ende!“ Pilatus-Darsteller Stockhaus liefert einen kreuzfidelen Totalverriss: Das alles seien nur „harmlose Beschwörungen der Oberfläche“, schimpft er, „popkulturelle Schaumschlägereien“.

Was bleibt, ist ein großer Wurf. Ja, Voges erzählt, pardon: Er sprengt das Matthäus-Evangelium. Aber wie! Er splittert es auf in unzählige Blickwinkel, erkundet seine Faszination, hinterfragt den kriegerischen Furor, geht auf Distanz, jongliert mit Bruchstücken. Das Ergebnis ist streitbar und sehenswert: Es gibt keine Wahrheit, sondern nur Perspektiven. Kein Erklärtheater, sondern ein verwirrendes, animierendes Angebot an Sichtweisen. Dass Voges mit Weihrauch, Bach-Musik und sakralem Licht beginnt, wird erst später als nicht neue, aber steile These kenntlich gemacht: „Theater“, heißt es, „ist die Kirche der Zweifler.“ Alles in allem: Tolles Bildertheaterkino, das einem um die Ohren fliegt. Der grandiose Versuch, einen dritten Weg zu finden: zwischen Glaubensnähe und Religionskritik.

Melvilles „Moby Dick“ in der Bühnenfassung

Inszenierung eines Romans Jan-Christoph Gockel, viel gelobter Hausregisseur in Mainz, setzt „Moby Dick“ nach dem Roman von Herman Melville äußerst karg in Szene. Die Bühnenfassung, erstellt von Gockel, Katrin Spira und dem Ensemble, dampft das Prosawerk auf rund zwei Stunden ein. Die Darsteller, allen voran Wolfgang Michalek als dämonisch getriebener Captain Ahab, bespielen dabei ein skelettiertes Schiff (Bühne: Julia Kurzweg). Das wiederum kann unter wildem Gebrüll der Crew und heftigem Live-Rock von Matthias Grübel gewaltig ins Schwanken geraten, sprich: in schwere, heftige See. Denn dieses Schiff, das eine große Flosse hat, ist auch der weiße Wal, der sich wehrt, aufbäumt und alles verschlingt. Wie häufig bei Jan-Christoph Gockel spielen auch die Puppen von Michael Pietsch eine Rolle, wenn alle Beteiligten zu einer Meute von Marionetten mutieren. Eine dunkle, spielerische und doch abgründige Inszenierung. op