Roman Die Kerners: Mehr als Wein und Wurstsalat

Justinus Kerner (in der Mitte, sitzend mit Stock) mit seinen Dichterfreunden – Gattin Rickele serviert den Wein.
Justinus Kerner (in der Mitte, sitzend mit Stock) mit seinen Dichterfreunden – Gattin Rickele serviert den Wein. © Foto: www.mauritius-images.com
Ulm / Jürgen Kanold 11.07.2018
Felix Huby und Hartwin Gromes erzählen die Familiengeschichte der „Kerners“, nicht nur jene des Dichters aus Weinsberg.

Was hat es eigentlich mit diesem Wein auf sich, dem Kerner? Bernd Liebig, der Museumsführer im Kernerhaus, weiß die Geschichte: Der Rebenzüchter August Herold kreuzte Trollinger und Riesling und wollte die Sorte zunächst „Trudler“ nennen, woraufhin die Politik in den 1960er Jahren dem Weinsberger Staatsweingut signalisierte, doch bitte einen verdienten Württemberger als Namenspatron auszuwählen. So kam man auf Justinus Kerner (1786-1862), der nicht nur die Schwabenhymne („Preisend mit viel schönen Reden ihrer Länder Wert und Zahl“) erdichtet, sondern auch täglich literweise Wein getrunken hatte.

In Ludwigsburg wurde Justinus Kerner als jüngstes von sechs Kindern eines Regierungsrats geboren, er studierte in Tübingen Medizin, pflegte den geisteskranken Hölderlin und befreundete sich mit den romantischen schwäbischen Dichtern, darunter Ludwig Uhland; er war Oberamtsarzt in Gaildorf und dann von 1819 an in Weinsberg, wo er nicht weit entfernt von der Burgruine Weibertreu besagtes Haus baute, das heute ein Museum ist.

Der Seelenforscher

Kerner war auch ein Seelenforscher, der die „Seherin von Prevorst“ bei sich aufnahm und behandelte; er interessierte sich für die „Nachtseiten“ der Menschenwelt, für Parapsychologie. Und er kam dem toxischen Botulin auf die Spur, der Ursache tödlicher Wurst- und Fleischvergiftungen. Was nur einem Schwaben in der Not ein Anliegen sein konnte: Man wirft nichts weg, macht aus allem noch einen Wurstsalat.

Dabei war Justinus nicht der einzige bedeutende Kerner. Da waren auch Karl (1775-1840) und Georg (1770-1812). Diese Familiengeschichte erzählt aber nicht das Museum, sondern ein neuer Roman von Felix Huby und Hartwin Gromes: „Die Kerners“. Das ist ein Geschichtsbuch mit literarisch geschilderten Szenen, auch ein sehr menschlich ausgeschmücktes Panorama der revolutionären Zeit zwischen 1789 und 1848 und darüber hinaus bis zum Ende des Königreichs Württemberg. Die Autoren sind der Kulturwissenschaftler Gromes und der als „Bienz­le“-Erfinder populäre Huby, der gerade auch seine eigene Autobiografie aufschreibt und nach den „Heimatjahren“ und den „Lehrjahren“ bald „Spiegeljahre“ veröffentlicht.

Jetzt aber die Kerners: Karl war Generalquartiermeister der württembergischen Truppen und beim verheerenden Russlandfeldzug Napoleons 1812 dabei. Als er seinem König Bericht erstatten sollte, antwortete er auf den Vorwurf, weshalb er seine Armee verlassen habe, mit den Worten: „Majestät haben keine Armee mehr.“ Karl gehörte zum Geheimen Rat, diente auch kurz als Innenminister, wurde hoch dekoriert, verlegte sich aber auf die Landwirtschaft, baute musterhaft ein Landgut bei Essingen aus.

Georg wiederum war ein begeisterter Anhänger der Französischen Revolution, bereiste im Dienste Napoleons halb Europa, wendete sich aber spätestens von dem lange gefeierten Heilsbringer ab, als dieser sich zum Kaiser der Franzosen krönen ließ. Georg arbeitete als Armenarzt in Hamburg, gilt als erfolgreicher Pionier des Impfwesens und der Geburtshilfe.

Huby und Gromes ziehen anekdotenreich durch die Familien- und Zeitgeschichte, in vielen Rück­blenden. Die Erzählung beginnt mit dem Protagonisten Justinus Kerner, der 1851 seinen auf dem Asperg eingekerkerten Sohn Theobald besucht – noch ein wichtiger Kerner, ein 1848er-Revolutionär. „Kennen Sie die Geschichte, warum der Asperg der höchste Berg Württemberg sein soll“, fragt Justinus seinen Kutscher? Man brauche Jahre, bis man hinauf und wieder herunter komme. „Kerner gab ein glucksendes Lachen von sich, wobei sein stattlicher Bauch wackelte.“

Das ist der leutselige Ton des Buches, der abwechselt mit Fakten, Erzählungen. Schwäbische Geschichte also, gut und erkenntnisreich zu genießen nicht nur zu Wurstsalat und Kerner.

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