Kaffeeduft liegt in der Luft, auf dem Tisch steht ein kleiner Teller Weihnachtsgebäck. In ihrer Küche in Stuttgart hat Sarah Wegener die süßen Sünden vor wenigen Tagen selbst gebacken. „Daheim sein, Plätzchen backen, es sich gemütlich machen – das brauche ich“, sagt die deutsch-britische Sopranistin schmunzelnd, nachdem sie in einem ruhigen Moment an ihrer Tasse nippt. Ein Moment der Stille, der für Vertreter ihres Berufsstands in der vorweihnachtlichen Zeit eher die Ausnahme als die Regel ist. Während sich der Rest der Welt bereitwillig der Besinnlichkeit hingibt und sich mittels klassischer Konzerte in Stimmung bringen lässt, bedeutet die Adventszeit für freischaffende Musiker oftmals das glatte Gegenteil: eine Phase der Hochkonjunktur, aber auch des Konzertstresses.

Auch Sarah Wegener, auf großen internationalen Bühnen gefragte und gefeierte Solistin, muss immer die nächste Station vor Augen haben. Vergangene Woche erst war sie nach Kanada geflogen, dort sang sie in der Maison Symphonique unter der Leitung von Paul McCreesh Georg Friedrich Händels „Messias“. Und wenige Tage davor war sie vom Kammermusikabend im Amsterdamer Concertgebouw zurückgekehrt. Jetzt aber wird sie rechtzeitig vor dem  Fest wieder zurück in Stuttgart sein.

Fast schon ungläubig zählt sie an ihren Händen die freien Tage ab, bis für sie am 5. Januar der Konzertbetrieb in Saarbrücken wieder beginnt: „16 Tage daheim. Das ist Luxus!“ Das zu Ende gehende Jahr hat Spuren in ihrem Terminkalender hinterlassen. Asien, Kanada, Portugal, die Niederlande, Schweiz, eine Konzertreise durch Israel oder ihre Premiere bei den Salzburger Festspielen, als sie unter der Leitung von Kent Nagano Pendereckis „Lukas-Passion“ mit dem Orchestre Symphonique de Montréal aufführte, sind nur einige Wegmarken auf ihrem diesjährigen Weg durch die internationale Konzertwelt. Sie avanciert mit ihrer warm getönten und gestaltenden Stimme zu einer Lieblingssängerin der Kritiker – und zu einem Stammgast der Fluggesellschaften. Wie viele Stationen sie in diesem Jahr im Auftrag der Kunst absolviert hat, hat sie nie nachgezählt.

Sie schätzt aber, dass sie gut die Hälfte des Jahres damit verbringt, von Auftritt zu Auftritt zu eilen. Ein logistischer, aber auch ein seelischer Kraftakt.  Ihr Anspruch ist es, sich immer wieder neu mit der Seele der Musik bekanntzumachen und sich auf ihr Wesen einzustellen. Die Zeiten dagegen, in denen sie in ihrer Stuttgarter Wohnung mehrere Tage am Stück die Seele baumeln lassen kann, sind rar gesät. Bei aller Freude und Lust an ihrer Profession: „Es ist manchmal ein knallharter Job.“ Sarah Wegener denkt etwa an ihren Auftritt, den sie trotz eines privaten Schicksalsschlags bei den  Schwetzinger Festspielen meisterte. Persönliche Befindlichkeiten spielen, wenn die Scheinwerfer angehen, nur eine untergeordnete Rolle.

Mit der Familie

Den Wunsch, Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen, kennt sie aus eigener Erfahrung. Seit einigen Jahren wählt sie deshalb Engagements in dieser Zeit mit Bedacht aus. Zuvor war sie rund um das Fest häufig unterwegs und kennt die Begleitumstände. Ob aus München oder aus Antwerpen: Immer wieder hat sie nach Auftritten nächtliche Heimfahrten auf sich genommen, um wenigstens am 24. Dezember zu Hause zu sein. Die Besinnlichkeit aber, die blieb zumeist auf der Strecke der Autobahn. Manche Weihnachten verbrachte sie zudem wegen anstehender Konzerte alleine, statt ihre Familie im Norden Deutschlands zu besuchen.

Fordert die konzertante Hochsaison zu Weihnachten zuweilen persönliche Zugeständnissen der Künstler, bedeutet sie für sie andererseits auch eine durchaus profitable Zeit. Einige von Sarah Wegeners Kollegen, so erzählt sie, stehen derzeit nahezu jeden Abend auf einer anderen Bühne und die gesammelten Gagen tra­gen zur Finanzierung derjenigen Monate bei, in denen Engagements wieder rarer gesät sind.

Dann wird Sarah Wegener wieder auf den großen Bühnen der Welt unterwegs sein. Geplant sind unter anderem Reisen nach Taiwan und Japan, ebenso Auftritte in Korea oder in der Hamburger Elbphilharmonie. In ihrem Terminkalender finden sich gar schon Termine für Ende 2020.

Die notwendige Kraft und Energie holt sie sich jetzt während dieser Weihnachtsfeiertage. Für sie ein ganz besonderes Fest, auf das sich Sarah Wegener bereits seit Monaten freut. Seit Oktober frisch verheiratet, kommt ihre Familie zum gemeinsamen Festmahl nach Stuttgart zu Besuch. Fernab des Rampenlichts ein Abend, der für sie das eigentliche Weihnachtsgeschenk darstellt: Luxus in Form von Zeit und Muse.

Gefeierte Sängerin aus Stuttgart


Zur Person Sarah Wegener studierte Gesang bei Professor Jaeger-Böhm in Stuttgart sowie in Meisterkursen bei Dame Gwyneth Jones und Renée Morloc. Einer ihrer ersten Förderer war unter anderem Frieder Bernius. Auch mit Georg Friedrich Haas besteht eine besondere künstlerische Verbindung. Zahlreiche Werke des Komponisten brachte sie zur Uraufführung, darunter die Oper „Bluthaus“ bei den Schwetzinger Festspielen. Für die Hauptpartie der Nadja wurde sie 2010 von der Zeitschrift „Opernwelt“ als Sängerin des Jahres nominiert. Heute arbeitet sie regelmäßig mit Kent Nagano, Emilio Pomàrico, Tonu Kaljuste, Eliahu Inbal, Heinz Holliger und Michael Hof­stetter zusammen. 2015 feierte Sarah Wegener ihr Debüt am Royal Opera House in London und an der Deutschen Oper Berlin. 2017 legte sie zusammen mit Götz Payer (Klavier) ihre erste Solo-CD mit britischen und deutschen Lieder vor: „ . . . into the deepest sea!“ (CAvi) wurde für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert. wag