Badekultur Die Geschichte des Swimmingpools

Ulm / Georg Leisten 29.06.2018

Die Kampfflugzeuge waren vorsichtig. Als US-Piloten im Irakkrieg 2003 die Residenz von Saddam Husseins Sohn Udai in Schutt und Asche bombten, blieb der Swimmingpool unangetastet. Und so bot sich dem Abgesandten der Fotoagentur Magnum kurz darauf die Gelegenheit zu einem denkwürdigen Schnappschuss: Hüllenlose GIs, die sich nach gewonnener Schlacht das Privatbecken des Diktatorensprösslings zu Eigen machen. Ihre Waffen haben sie am Beckenrand abgelegt.

Badengehen ist etwas für Sieger. Doch luxuriöse Abkühlorte stellen nicht nur ein prägnantes Statussymbol dar. Wie das Soldatenschwimmen vor Kriegskulisse darüber hinaus verdeutlicht, hat sich der Swimmingpool bis ins 21. Jahrhundert etwas Mystisches bewahrt. Eine Weihestätte, die uns von der Hitze erlöst und den Schmutz der Welt von Leib und Seele spült.

Berühmte Kamerakünstler

Jetzt ist der Engländer Francis Hodgson den diversen kultursemiotischen Bedeutungen des blauen Beckens hinterhergetaucht. Gestützt auf Arbeiten berühmter Kamerakünstler von Elliott Erwitt bis René Burri, führt der Fotografiehistoriker an der Universität Brighton unterschiedliche Aspekte des Themas zusammen: Architekturästhetik, Bademode, Soziologie. Dank der hochwertigen Illustrationen gelingt ihm ein sommerleichter Bildband. Informativ zu lesen und sinnlich anzuschauen.

Swimmingpool – das Wort klingt nach Hollywood und himmelhohen Palmen, tatsächlich aber liegen die Wurzeln des Plantschparadieses in der antiken Badekultur. In der Neuzeit beförderte zunächst der mit der Jugendstilära erwachte Sportsgeist eine Renaissance öffentlicher Wassertempel. Zum privaten Luxus dagegen wurde der Swimmingpool in der Architekturmoderne der 20er Jahre. Ist das azurblaue Geviert im Garten doch schon farblich die perfekte Ergänzung zum strahlenden Weiß klarkantiger Bauhaus-Villen. Für schmalere Geldbeutel folgten bald aufblasbare Badestätten oder Aufstellbecken.

Überhaupt ist Pool nicht gleich Pool: Besonders in den 50ern kamen nierenförmige Bassins in Mode. Ihre Form sollte zwanglosen Wasserspaß in den Vordergrund rücken, um sich von der rechteckigen Variante abzusetzen, in der jeder mit militärischer Disziplin seine Bahnen zieht.

Wie und wo man schwimmt, ist eine Frage des gesellschaftlichen Rangs. So konfrontiert Hodgson den sonnendurchfluteten Jetset-Hedonismus von Alain Delon und Romy Schneider in Südfrankreich mit den satirisch entlarvenden Bildern des britischen Sozialfotografen Martin Parr aus überfüllten Vergnügungsthermen.

Gekröse der Wasserrutschen

Die Erläuterungen zu den einzelnen Aufnahmen fallen zwar mitunter etwas spärlich aus, was indes die Attraktivität des Buches kaum schmälert, da viele Fotografien für sich selbst sprechen. Sie blicken auf das Gekröse der Wasserrutschen in einem Schwimmpark in New Jersey oder entführen an klassisch-mondäne Hotelpools, wie man sie nur noch aus alten James-Bond-Filmen mit Sean Connery kennt. Einprägsame Bilder gelingen auch der luftigen Choreografie eines Wasserspringers am 10-Meter-Brett.

Auf den letzten Seiten entdeckt man schließlich jenen gläsernen Pool des Shanghai Holiday Inns. In schwindelerregender Höhe ragt er über den Baukörper hinaus, so dass Passanten von unten denken, hier würde jemand am Himmel schwimmen. Aber soweit kommt man beim ersten Durchblättern dieses erfrischenden Buches gar nicht. Denn schon vorher hat einen die Lust gepackt, sich selbst die Badehose anzuziehen und ins nächsterreichbare Nass zu springen.

Erfrischendes Buch

Francis Hodgson: Der Swimmingpool in der Fotografie. Erschienen bei Hatje Cantz, 240 Seiten, 200 Farb- und Schwarzweißbilder, 40 Euro. 

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