Berlinale Die Berlinale kämpft um Gerechtigkeit

Der Film einer Frau über zwei Frauen? Eigentlich sollte das keine Rolle spielen, denn Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“ mit Valerie Pachner (links) und Pia Hierzegger ist einfach ein sehenswertes Stück Kino.
Der Film einer Frau über zwei Frauen? Eigentlich sollte das keine Rolle spielen, denn Marie Kreutzers „Der Boden unter den Füßen“ mit Valerie Pachner (links) und Pia Hierzegger ist einfach ein sehenswertes Stück Kino. © Foto: dpa
Berlin / Magdi Aboul-Kheir 13.02.2019

Also, sieben von 17 Filmen, die in diesem Jahr um die Bären konkurrieren, sind von Regisseurinnen. Was 41 Prozent entspricht Von den 400 Filmen im Gesamtprogramm sind 37 Prozent von Frauen. Allerdings waren im Wettbewerb nur zwei Kamerafrauen am Werk.

Zahlen, Listen, Tabellen, Namen, Fakten. 48 Seiten ist sie dick, die „Gender Evaluation“, die die Berlinale zum diesjährigen Festival vorgelegt hat. Wie viele Männer, wie viele Frauen, wie viele Menschen eines dritten Geschlechts haben an den Filmen in den Disziplinen Regie, Produktion, Drehbuch, Kamera und Schnitt mitgearbeitet? Wie sind die Auswahlgremien besetzt? Der Wettbewerb ist sogar historisch analysiert worden. Da liest man, dass noch 2005 von 23 Wettbewerbsfilmen kein einziger von einer Regisseurin war!

Die Berlinale 2019 nimmt das Themenfeld Gender, Diversität und Transparenz sehr ernst. Die Liste der Veranstaltung zu den Themen ist ellenlang, sie reicht von der cineatischen Auseinandersetzung mit indigenen Völkern aus dem pazifischen Raum bis zu „Reinventing Porn“.

Und Direktor Dieter Kosslick hat für die Festspiele nicht nur das Motto „Das Private ist politisch“ ausgegeben, sondern in dieser, seiner letzten Berlinale jetzt noch einen Pflock eingerammt und die Selbstverpflichtung „50/50x2020“ unterzeichnet. Die besagt, dass bis kommendes Jahr die Leitungen und Auswahlgremien paritätisch besetzt sein müssen, zudem sollen alle Zahlen zur Geschlechterverteilung bei Filmeinreichungen und –auswahl veröffentlicht werden. Die neue Festivalleitung – ein Mann für die Kunst und eine Frau für die Zahlen – ist da mehr als symbolträchtig.

Für Kulturstaatsministerin Monika Grütters zieht sich „ein schöner roter weiblicher Faden durch diese Berlinale“. Die Retrospektive ist komplett Frauen gewidmet. Und der Jury steht mit Weltstar Juliette Binoche natürlich auch eine Frau vor. Die Französin wirkt dieser Tage aber manchmal fast genervt von zuviel Gender-Fixierung – sie will über Filmhandwerk reden.

Wenn das so einfach wäre. Denn es geht nicht nur um Gerechtigkeit. Wenn der Verein Pro Quote ein grundsätzlich 50/50 im Filmgeschäft fordert, hat das auch mit der Diskussion um Gewalt zu tun: Unausgeglichene Machtverhältnisse befördern Missbrauch, lautet die Argumentation. Die Berlinale 2019 ist auch die erste nach dem Höhepunkt der #MeToo-Debatte. Die wiederum sei wichtig gewesen, betonte auch Binoche nun in Berlin.

Wandel nur mit Quote

Ja, es sollte nicht um Geschlecht, sondern um Qualität gehen – die Aussage kennt man aus Politik und Wirtschaft. Aber ohne die Quote, so angreifbar sie sein mag, kommt kein nachhaltigerWandel zustande. Und es geht ja nicht nur um die Vermeidung von Diskriminierung – es geht auch um Diversität, um die Vielfalt von Figuren, die Reichhaltigkeit von Geschichten, den Abwechslungsreichtum von Erzählformen.

Von was und über wen erzählen jetzt nun die Regisseurinnen im Wettbewerb? Die Dänin Lone Scherfig rückt eine Mutter und ihre Kinder in den Mittelpunkt, die Österreicherin Marie Kreutzer zwei Schwestern, die Mazedonierin Teona Strugar Mitevska eine junge arbeitslose Historikerin, die es mit Patriarchat und Polizei aufnimmt.

Und die Männer auf dem Regiestuhl? Die beschäftigen sich mit Vätern und Söhnen. Mit Kämpfern und einsamen Jägern. Und, auch das noch, mit einem Frauenmörder.

Zum Glück ist das nicht alles. Der Türke Emin Alper breitet etwa sehr schön „Eine Geschichte von drei Schwestern“ aus Anatolien aus und offenbart  ein sehr reflektiertes Geschlechterbild. Und ja, Kosslicks Motto ist nicht einfach dahergesagt: Das Private ist in diesen Filmen fast immer auch politisch.

Wahre Diversität ist aber nicht erreicht, wenn Frauen Männerfilme drehen (wenn es so etwas gibt) und Männer interessante Frauenfiguren auf die Leinwand bringen. Sie ist erst erreicht, wenn wir über all das nicht mehr nachdenken. Ach, und wie wär’s mal mit einer Goldenen Bärin?

Technische Probleme oder politischer Druck?

Der diesjährige Berlinale-Wettbewerb ist nicht gerade mit einem Übermaß an berühmten Regisseuren gesegnet. Und jetzt ist auch noch eine heftige kurzfristige Absage eingegangen: Zhang Yimous „One Second“, der am Freitag zum Finale und als ein Höhepunkt des Wettbewerbs laufen sollte, wird nicht in Berlin gezeigt. Die offizielle Begründung lautet „technische Probleme in der Postproduktion“. Da der Film während der chinesischen Kulturrevolution (1966-1976) spielt, wird spekuliert, dass die Absage politische Gründe, einen Zensur-Hintergrund haben könnte. Zhang Yimou, der während seiner Jugend Zwangsarbeit ableisten musste und dann für seine politisch und poetisch kraftvollen Filmen („Rotes Kornfeld“ gewann 1988 den Goldenen Bären) weltweit gefeiert wurde, hatte zuletzt ästhetisch hochwertige, aber inhaltlich angepasste Epen gedreht.

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