In der Not greift der Mensch zum Gedichtband. Auch der moderne. Wenn er sich verliebt oder einen geliebten Menschen verliert, verschlägt es ihm selbst zu Zeiten von Twitter noch oft die Sprache. Da sind fundiert durchleuchtete und konzis formulierte Gedanken willkommen. Abgesehen von der Notwendigkeit in derlei Extremsituationen fristet die Lyrik bei uns aber nach wie vor ein Nischendasein.

Große Verlage wie Klett-Cotta in Stuttgart stellten ihre Lyriksparten ein, kleine Verlage wie der Freiburger Lautsprecher- und der Konstanzer Nie/Nie/Sagen-Verlag verschwanden von der literarischen Landkarte. Selbst bei Literaturfestivals wie dem Tübinger Bücherfest und der Buch Basel findet Lyrik allenfalls am Rand statt. Dass sich in einer Stadt von der Größe Metzingens fünf Tage lang die zeitgenössische Dichterszene aus aller Welt einfindet, scheint unvorstellbar.

Im schottischen St. Andrews hingegen ist das normal. Vor allem Anglophone und Gaelicsprecher pilgern zum StAnza-Festival, aber auch deutschsprachige Poeten wie Monika Rinck aus Zweibrücken und der Österreicher Andreas Unterweger waren schon da. Gerade las die einstige Stuttgarterin Catherine Hales dort. Sie veranstaltet das englischsprachige Berliner Lyrikfestival "Poetry Hearings". Mit StAnza vergleichen ließe sich in Deutschland, wo die Engländerin seit 1992 lebt, allenfalls das Poesiefestival in Berlin.

Die Dichterszene sei hierzulande stark auf die Hauptstadt konzentriert. In Köln, Frankfurt und München gebe es kleinere Szenen. Im Südwesten hingegen fällt Claudia Gehrke, Chefin des Tübinger Konkursbuchverlags, kein Literaturfestival ein, "bei dem Lyrik eine wirklich wichtige Rolle spielt". In Tübingen gebe es "immer auch eine ,Poetry-Corner", sagt die Verlegerin, die als eine der wenigen in Baden-Württemberg noch Lyrik publiziert und dafür 2010 den Landespreis für literarisch ambitionierte kleinere Verlage erhielt. "Aber im Verhältnis werden viel mehr Romanausschnitte und Erzählungen gelesen."

Der Pflege ihres dichterischen Erbes hingegen widmen sich die Baden-Württemberger durchaus. So verfügt das neue Fellbacher Stadtmuseum über ein Mörike-Kabinett, Tübingen ist schon lange für sein Museum im gelben Hölderlin-Turm bekannt. Auch der Ditzinger Reclamverlag verlegt an Lyrik allein die toten Dichter: Gottfried Benn, Rose Ausländer, Charles Baudelaire.

Um junge Poeten in den Fokus zu rücken, hat die Unesco vor zwölf Jahren den 21. März zum "Welttag der Poesie" erklärt. Die älteste literarische Kunstform habe auch im Zeitalter der neuen Informationstechnologien einen "wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben", findet die Kulturorganisation der Vereinten Nationen. Dieser Platz darf sich nicht auf den Liebesbrief oder die obere rechte Ecke einer Todesanzeige beschränken.

Der World Poetry Day scheint zu wirken, auch in Deutschland: Just 2000 begann der Münchner Allitera Verlag eine neue Lyrikreihe und setzt mit jährlich sechs Neuerscheinungen explizit auf "junge Stimmen der Zeit". Zum seit 30 Jahren bestehenden Rimbaudverlag stießen 2003 noch Daniela Seels Kookbooks, die jungen Dichtern wie Monika Rinck eine Plattform bieten, 2006 der Frankfurter Gutleut-Verlag und 2008 Luxbooks aus Wiesbaden.

Einen Verlag gibt es in Baden-Württemberg noch, der die zeitgenössische Lyrik fördert: Wunderhorn aus Heidelberg erhielt dafür jüngst in Leipzig den Kurt-Wolff-Preis, den wichtigsten deutschen Verlagspreis. Das Programm des seit 1978 bestehenden Hauses umfasst zu 30 Prozent Gedichtsammlungen. Verleger Manfred Metzner ist optimistisch: "Lyrik-Veranstaltungen werden seit einigen Jahren sehr gut besucht", gerade junge Lyriker fänden auf Literaturfestivals "vermehrt ein Forum".

Finanziell aber ist Lyrik Claudia Gehrke zufolge noch immer ein Zuschussgeschäft. Ihr Konkursbuchverlag setzt zur Gegenfinanzierung auf Vermarktung via Genremix: Lesung plus Film, Performance oder Musik. "Unsere Lesungen sind immer dann am besten besucht, wenn wir sie mit anderen Kunstformen kombinieren". Oder wenn sie Ernstes mit Komödiantischem mischt.

Selbst erfolgreiche Slam-Poeten mit Publikationserfahrung können von ihrer Berufung "nur dann leben, wenn sie nicht nur sehr viele Aufträge annehmen, sondern nebenher auch Workshops geben, die einen großen Teil der Einnahmen ausmachen", sagt der Kirchheimer Pierre Jarawan. Der Student lebt inzwischen in München. Auch die mit Stipendien und Preisen ausgezeichnete Monika Rinck hat einen anderen Hauptberuf und ist von der Provinz in die Metropole Berlin gezogen. Catherine Hales lebt von ihrer Nebentätigkeit als Übersetzerin und ist von Stuttgart ebenfalls nach Berlin gezogen. "Die Lyrikszene in Großbritannien scheint mir lebendiger als die deutsche", sagt sie.Dort haben Dichter sogar auf Rock-Open-Airs einen festen Platz. Von T in the Park bis zum großen Glastonbury-Festival halten alle je eine Poetry Stage vor. In einer Hinsicht aber hätten es deutsche Nachwuchsdichter besser, sagt Hales: Hier gibt es viel mehr Stipendien und dotierte Preise als auf den britischen Inseln.