Neu-Ulm / LENA GRUNDHUBER  Uhr
Wie Wissenschaftler und Künstler fotografisch eine "Ordnung der Dinge" herstellen - und unterlaufen -, ist jetzt Thema der Walther Collection.

Eine Katze, Schulkinder, die Wirbel von Schamhaar, die U-Bahn, das Licht auf der Brücke, Menschen, die am Fuße von Hochhäusern fischen. All das, was in einer Großstadt wie Tokio jeden Tag nebeneinander geschieht und gleichzeitig stattfindet, alles, was gar nichts heißt oder vielleicht doch eine Bedeutung hat, all das hat Nobuyoshi Araki ein paar Jahre nach dem Tod seiner Frau in seinem fotografischen Tagebuch festgehalten, seinen "101 Works for Robert Frank (Private Diary)".

Arakis Fotografien füllen einen Raum im grünen Haus der Walther Collection in Burlafingen bei Neu-Ulm aus. Die neue Ausstellung "Die Ordnung der Dinge" hat Brian Wallis kuratiert, ehemaliger Chefkurator des International Center of Photography in New York. Der Titel, den der Sammler Artur Walther gewählt hat, bezieht sich direkt auf den Diskurstheoretiker Michel Foucault. Man könnte ebensogut ein Fragezeichen dahinter setzen, denn die Ordnungen sind selbstverständlich konstruiert, fragwürdig, behauptet.

1200 Fotos aus Europa, Afrika, Asien und Nordamerika hängen in den drei Ausstellungshäusern, mit den Projektionen an der Wand sind es 2000. Wie immer also erwartet den Besucher eine enzyklopädische Schau, die etwa 150 Jahre fotografischer Typologien, Ordnungsmuster und Serien umspannt, angefangen bei den (pseudo-)wissenschaftlichen Bemühungen des 19. Jahrhunderts mit Karteien von Verbrecherphysiognomien, den "mug shots" aus Kalifornien. Oder den "zoologischen und anthropologischen Forschungsergebnissen" des Deutschen Leonhard Schultze-Jena, der Ende der 20er körperliche Merkmale südafrikanischer Stammesangehöriger fotografisch vermaß. Ein diskriminierendes Verfahren, das im künstlerischen Kontext später benutzt, aber ironisch gewendet wurde. Richard Avedon fotografierte für den "Rolling Stone" seine berühmte Serie "The Family": US-Establishment in Einzelporträts.

Im Keller des grünen Hauses enthüllt das Gesetz der Serie seine Zwanghaftigkeit. Kohei Yoshiyuki hat sich in einem Park herumgetrieben. Dort haben Paare Sex und werden aus nächster Nähe von anderen beobachtet, die wiederum von der Kamera beobachtet werden. Zu sehen ist kaum etwas, allein der voyeuristische Blick macht die Bilder so skandalös, so pervers.

Aus dem Keller sollte man zurück ins Licht, wo sich Walther selbst besonders gerne aufhält. Den ersten Stock des weißen Kubus' will er in einen Projektraum verwandeln, schließlich gehe es ihm um den Dialog. Seine Burlafinger Kunsthalle soll deshalb auch leichter zugänglich werden, nämlich von Freitag bis Sonntag auch ohne Führung, bei freiem Eintritt. Den Projektraum hat er nun eigens mit Fotografien von Otl Aicher bestückt. Der HfG-Mitbegründer suchte nach der "Ordnung der Dinge" in Wiesen, Feldern und Wäldern. So kommt die Schau mit Aichers Blick in Burlafingen nach Hause, klar, nüchtern und auf sachliche Art poetisch.