Musiktheater Musiktheater: Der Tod ist ein schöneres Leben

Im Tunnel: „Suor Angelica“ mit Michaela Schuster (Die Fürstin) und Ermonela Jaho in der Titelpartie.
Im Tunnel: „Suor Angelica“ mit Michaela Schuster (Die Fürstin) und Ermonela Jaho in der Titelpartie. © Foto: Wilfried Hösl
München / Otto Paul Burkhardt 19.12.2017
Die Bayerische Staatsoper zeigt Giacomo Puccinis „Il trittico“. Es sind Nahaufnahmen menschlichen Scheiterns.

Sieht beklemmend aus, diese schwarze Röhre. Alles spielt sich in diesem dunklen Tunnel ab. Mord, Suizid, Erbschleicherei. Ein U-Bahn-Schacht? Ein Abwasserkanal? Eine Zeitschleuse? Schon eher. Denn wir sehen Menschen aus verschiedensten Epochen, von heute bis zurück ins Mittelalter, die im Nebel dort auftauchen und verschwinden. Manchmal dreht sich die Röhre wie eine Wäschetrommel. Aber langsam. Und Überraschung: Die Menschen darin purzeln nicht übereinander, sondern drehen sich unbewegt, auch auf dem Kopf stehend mit –- entgegen der Schwerkraft. Kurzum, es ist eine seltsame Röhre. Eine Art Zeitmaschine. Und eine starke Bildidee (Bühne: Bernhard Hammer), die die drei Kurzopern in Puccinis „Il trittico“ miteinander verbindet. Jetzt war Premiere im Münchner Nationaltheater.

Im Zeitreise-Tunnel

Derlei Kurzopern waren eine Zeitlang Mode – die großen Epen schienen auserzählt. Die Reihe dieser Einakter reicht von Mascagni über Zemlinsky bis hin zu Ravel. Puccinis „Il trittico“ feierte 1918 in New York Uraufführung – gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Die drei Teile – der Eifersuchtskrimi „Il tabarro“ (Der Mantel), die Klostertragödie „Suor Angelica“ (Schwester Angelica) und die Erbschaftskomödie „Gianni Schicchi“ – haben auf den ersten Blick kaum miteinander zu tun. Bei näherem Hinsehen aber doch: Es geht um Menschen im Angesicht des Todes.

Puccini beamt sich in den drei Episoden zurück in die Vergangenheit, vom 20. übers 17. Jahrhundert bis ins Mittelalter. Daher auch dieser Zeitreise-Tunnel, der ein bisschen an den Film „Contact“ (1997) mit Jodie Foster erinnert. Die niederländische Regisseurin Lotte de Beer schafft so für die unterschiedlichen Episoden eine Art gemeinsamen Nenner. Kein Kahn auf der Seine, kein Kloster – de Beer verzichtet fast ganz auf realistische Szenarien. Nur das Totenbett des Erblassers in der dritten Episode taucht tatsächlich auf und kreist mit der Röhre eine halbe Umdrehung, bis es oben kopfüber von der Decke hängt. Klar, in diesem „Gianni Schicchi“-Teil, einer Erbschaftsfarce über menschliche Gier, lässt es die Regie drunter und drüber gehen und spult eine wilde Turbo-Groteske ab.

Lotte de Beer zeigt bei ihrem Regiedebüt an der Bayerischen Staatsoper in allen drei Episoden, wie Menschen, gefangen in beklemmenden Verhältnissen, auf der Suche nach einem besseren Leben scheitern. Mehr noch: Die Regie beschützt die Scheiternden, bittet sozusagen um mildernde Umstände.

Sängerisch? Ist dieses Münchner Operntriptychon hochkarätig besetzt. Top-Bariton Wolfgang Koch skizziert seinen betrogenen Ehemann Michele mit viel Tristesse und Bitterkeit in der Stimme, Eva-Maria Westbroek agiert als Giorgetta mit fülligem Sopran, und Yonghoon Lee als junger Rivale Luigi erobert die Herzen des Publikums – mit einem furiosen Flammenwerfer-Tenor. Mit zarten Höhen berührt Ermonela Jaho als Suor Angelica, und die auch schauspielerisch grandiose Michaela Schuster stattet ihre dämonische Fürstin mit einem prächtigen Mezzo aus. Ambrogio Maestri meistert den Gianni Schicchi als absoluter Komödien-Profi. Und die Regie zeigt deutlich, dass die oft süßlich verschnulzte Schmacht-Arie „O mio babbino caro“ (in durchtriebener Schönheit gesungen von Rosa Feola) eben auch mit Raffgier zu tun hat.

Getragen wurden die Solisten alle vom duftig und transparent aufspielenden Bayerischen Staatsorchester, registerreich und detailfreudig dirigiert von Generalmusikdirektor Kirill Petrenko – allein seine präzise Einsatzgebung ist als Hände-Ballett sehenswert. Aufblühende Kantilenen, schwärmerische Streicher im Gershwin-Modus, herrlich böse kichernde Holzbläser, schicksalhaft dröhnendes Blech: Petrenko demonstriert, wie modern, luzide und dennoch auratisch Puccini klingen kann – je nachdem farbkräftig, bissig-satirisch oder hinreißend schwelgerisch.

„Lulu“ auf DVD mit Kirill Petrenko

Neuerscheinung Alban Bergs „Lulu“, eine Inszenierung von Dmitiri Tcherniakov aus dem Jahre 2015 mit Marlis Petersen in der Titelpartie, ist die erste DVD-Produktion der Bayerischen Staatsoper mit Kirill Petrenko am Pult. Und noch eine zweite DVD-Neuerscheinung aus München ist auf dem Markt: Rameaus „Les Indes galantes“, choreografiert von Sidi Larbi Cherkaoui und dirigiert von Ivor Bolton.

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