Er muss ein glücklicher Mann sein, dieser 75-jährige Waliser, der auf der Bühne der Musikarena des Münchner Tollwood ohne Frage auch ohne Beleuchtung strahlen würde. Während die Besucher - etliche davon in einer ähnlichen Altersklasse - bereits im Sitzen oder tänzelnden Stehen nach wenigen Minuten schwitzend aus der Façon geraten, legt er sein klatschnasses Sakko erst nach einer Stunde bei "You Can Leave Your Hat On" ab. Unter dem Jubel der Fans, denn jede noch so kleine Bewegung, jedes Zwinkern zeigt hier Wirkung.

"Ich schaue manchmal in den Spiegel und denke: Der alte Mann dort, das bin nicht ich", hat Jones, der als Thomas Jones Woodward am 7. Juni 1940 im walisischen Pontypridd geboren wurde, vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt. Doch der Sohn eines Bergarbeiters, der mit 16 seine Jugendliebe Melinda Trenchard heiratete und bis heute mit ihr verheiratet ist, muss sich wahrlich keine Sorgen machen. Die Stimme ist altersmäßig ein wenig tiefer geworden, aber da ist noch immer diese gewaltige Soul-Power - und klar, er schraubt sein Organ auch ohne Wackler in die Höhe. Dank Trainings ist er körperlich bestens in Form. Den Tiger haut auch die Affenhitze im ausverkauften Großzelt nicht um.

Der Sänger erlebt derzeit sowieso seinen x-ten musikalischen Frühling. Ein gutes Händchen fürs Ankurbeln der eigenen Karriere hatte Jones, der seine kleine Familie zunächst als Bauarbeiter und Staubsaugervertreter ernähren musste, schon immer. Im Jahr 1965 startete mit seiner Single "It's Not Unusual" voll durch, es folgten Klassiker wie "Delilah", das er in München mit seiner grandiosen Band südamerikanisch pulsieren ließ.

Jones, der viele Jahre in Las Vegas das große Showbiz lebte, dort mit Elvis um die Ecken zog und ebenfalls mit Hüftschwung, Sexappeal und Brusthaaren auftrumpfte, hatte auch später stets neue Rezepte parat. Mit den Kult-Elektronikern "Art of Noise" coverte er "Kiss" von Prince - auf dem Tollwood im Zugabenteil wie auch sein James-Bond-Song "Thunderball" voll Lust zelebriert. Er gab einen augenzwinkernden Film-Auftritt in Tim Burtons "Mars Attacks!" oder zeigte mit "Sex Bomb" vom deutschen Produzenten Mousse T. ganz neue Pop-Qualitäten.

Seine Sexbombe tränkt er live im Olympiapark zunächst mit sattem Blues, um dann mit einer von Jive-Drive angetriebenen Version Bläsersätze und Jazz ins Spiel zu bringen. Die Fans stehen - da ist gerade die erste halbe Stunde vorbei und bereits Unterwäsche auf die Bühne geflogen.

Jones drückt die Fans mit dem Stehblues "I'll Never Fall in Love Again" zurück in die Sitze und serviert den geradezu monolithisch im Raum stehenden "Tower of Song" von Leonard Cohen. Für die Textzeile "I Was Born With The Gift of a Golden Voice" heimst er Szenenapplaus ein. Ja, die Arrangements zwischen Soul, Rock'n'Roll, Boogie und Southern-Sound passen, die Band trägt das große Klasse.

Der Weltstar, der auch Coach der BBC-Erfolgsshow "The Voice UK" ist, gönnt sich kaum Atempausen zwischen den Songs. Seine Voice hält bis zum gefeierten Finale. "Meine Stimme. Ohne die wäre ich nichts. Sexappeal reicht nicht für eine Karriere", hat Jones einmal zu Protokoll gegeben. Den Tiger in dieser starken Live-Form mit dieser Songauswahl erleben zu dürfen, war ein wahrer Glücksfall.