Bachakademie  Der Tanz kreuzt die Musik

Nicht nur Klang: „Bach bewegt“ zeigte jetzt eine getanzte Version der „Matthäus Passion“.
Nicht nur Klang: „Bach bewegt“ zeigte jetzt eine getanzte Version der „Matthäus Passion“. © Foto: Holger Schneider
Ludwigsburg / Von Georg Linsenmann 06.03.2017

Jetzt also Bachs „Matthäus-Passion“, im vierten Jahr von „Bach bewegt!“ das gewaltigste Passions-Oratorium des Thomaskantors. Musikalisch getragen von den exquisiten Klangkörpern der Gaechinger Cantorey unter Hans-Christoph Rademann, tänzerisch gestaltet von fast hundert ambitionierten Stuttgarter Schülern, mit der Choreografie und unter Leitung von Friederike Rademann, einst Solistin an der Staatsoper Dresden, in Jahresfrist zur Aufführungsreife geprobt. Kann diese Kombination mehr sein als ein sympathisches Experiment?

Im Grunde löst sich diese Frage schon mit dem ersten Plateau auf, wenn das Ensemble zur Instrumentaleinleitung in lockerer Alltagsbewegung hereinspaziert, Form findet, sich pulsierend im Rhythmus der Musik bewegt, sich sukzessive wieder auflöst und dabei eine Streckbewegung ausführt, die etwas vom Himmel zu pflücken und in einer bergenden Geste niederzulegen scheint. Das Zarte dieser ostinaten Geste bildet einen sich entfaltenden Gegensatz zur herben Klage und Totalität der Unheilsverkündigung des Eingangschores. Und wenn der Tanz schon hier teils eigene Wege geht, dann wirkt das ganz selbstverständlich – und wie die programmatische Rückübersetzung in ein menschliches Maß.

So kreuzt der Tanz die Musik und tritt ein in deren vitale dialogische Struktur, was auch das Bühnenbild (Maria Pfeiffer) signalisiert: ein breites, weißes Band in der Diagonalen, die beiden Chöre und Orchester vorne links und hinten rechts platziert. Von Musik umfangen, schmiegt sich der Tanz punktuell wie ein Handlungsballett an Text und Musik, schöpft aus ihr aber weit mehr Impulse für ein eigenständiges Gesten- und Bewegungsrepertoire – geprägt durch die Dresdener Schule des modernen Ausdruckstanzes. Wie viel das junge Ensemble von Rademann da gelernt hat, zeigt sich ganz direkt, wenn die Tänzerin zur „Erbarme dich“-Arie ein komplexes Solo tanzt und junge Tänzerinnen sich nahtlos einfügen in diese charakteristische Mischung aus stilisierter natürlicher Bewegung, Verfremdung und geometrisierter Körper-Widerständigkeit.

In den Fokus gerückt wird damit das Leiden, der keineswegs heroische Weg der Passion, der Schmerz des Individuums, der „betrübt bis in den Tod“, wie Jesus in der Mitte des ersten Teils sagt. Die physische Präsenz der tänzerischen Bewegung ist Fleisch gewordene Emotion, was sich im Jahr des Reformationsjubiläums wie lutherische Theologie lesen ließe: „Mea res agitur!“ Meine Sache wird hier verhandelt! In der Musik geborgen, nun im Tanz neu deutlich werdend. Besonders sinnfällig und anrührend etwa in der Arie „Ich will dir mein Herze schenken“, wo das geistliche „Liebeslied“ nicht minder zum weltlichen wird, nebst angetanztem Dreivierteltakt.

Zum Staunen, welche Ausdrucksvielfalt dem sich sehr variabel ausdifferenzierenden Ensemble, in  changierenden Grau- und Schwarztönen gekleidet, in der sensiblen Ausdeutung der Passion zu Gebote steht und wie angemessen dabei die individuellen Niveaus eingesetzt werden: vom schlichten Tanzreigen bis zu anspruchsvollen Soli. Neben gelegentlich intensiver Expression – etwa, wenn sich das hetzende Volk zeigt – dominiert ein meditativer Grundgestus. Dem entspricht auch das gemäßigte Tempo, so dass hier „Rademann-Bach“ mal nicht in High Speed  geboten ist. Das dämpft die Dramatik und lässt den Chor dynamisch weniger glänzen, kommt aber dessen Klanglichkeit zugute und lässt instrumentale Passagen in ihrer kammermusikalischen Güte aufblühen. Verluste zeitigt die rückwärtige Teilplatzierung des Klangkörpers, ganz hervorragend sind die Vokal-Solisten,  überragend Tenor Benedikt Kristjánsson als Evangelist. Und wenn das Ensemble am Schluss in der Bewegung erstarrt, ist das wie ein Fragezeichen in der leuchtenden Transzendenz von Bachs Musik.

Das Jugendprogramm der Bachakademie

Getanzte Passion „Bach bewegt“ ist das Jugendprogramm der Bachakademie überschrieben, das die Musik des Thomaskantors jungen Menschen nahebringen will. Dieses Jahr auch als getanzte Version der „Matthäus-Passion“, an der fast hundert Stuttgarter Schüler mitgewirkt haben.

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