Reinhold Würth Die Kunstsammlung des Schraubenkönigs

Künzelsau / Jürgen Kanold 20.06.2018
Reinhold Würth gehört zu den reichsten Männern Deutschlands. Er besitzt eine bedeutende Kunstsammlung – und ein Orchester.

Anna Netrebko, die berühmteste Sopranistin unserer Zeit, singt gerade an der Berliner Staatsoper umjubelt die blutrünstige Lady Macbeth. Neulich aber trat sie auch in Künzelsau auf, um mit den Würth Philharmonikern ein Konzert zu geben. In Künzelsau? Mit einem Firmenorchester? „Wenn wir was machen, dann machen wir das mit ganzem Aufwand und mit Verve“, sagt der 83-jährige Reinhold Würth.

Seiner Frau hat der Unternehmer, im Volksmund „Schraubenkönig“ genannt, im vergangenen Jahr zum 80. Geburtstag das „Carmen Würth Forum“ geschenkt. Das Architekten-Büro David Chipperfield baute es unweit der Firmenzentrale in eine Landschaft mit Weitblick, so schlicht und elegant wie großzügig vor einen kleinen Hügel gesetzt, umgeben mit Skulpturen von Tony Cragg bis Niki de Saint Phalle.

Ein feiner Konzertsaal für fast 600 Zuhörer gehört zu diesem Kongresszentrum, in dem sich die Stars der Klassik jetzt die Klinke in die Hand geben – zu sehr günstigen Eintrittspreisen abseits der Metropolen. „Wir waren lange einer der Hauptsponsoren der Philharmonie der Nationen von Justus Frantz, mit dem ich befreundet bin, aber nachdem es dort eine Neuorientierung gab, habe ich gedacht: Machen wir halt mal ein Orchester auf.“ Würth sagt das leise, lakonisch, und er kann das, weil er’s hat. Das „Forbes“-Ranking sieht ihn auf Platz neun der reichsten Deutschen mit einem Netto-Vermögen von rund 11,5 Milliarden Euro – vor Hasso Plattner, dem Stifter des Museums Barberini in Potsdam.

Auf Würths Schreibtisch stehen Flugzeug-Modelle, der Unternehmer steuerte seine Privatmaschinen früher selbst um die Welt. Aber er weiß, wo er herkommt, spricht im Interview heimatverbunden leutselig, erdig, fränkisch gefärbt. Künzelsau ist eine Kreis­stadt im Hohenlohischen, einem Landstrich im Norden Württembergs, der früher abschätzig als „schwäbisch Sibirien“ bezeichnet wurde, wo sich aber jetzt Weltmarktführer tummeln. Dort gründete Adolf Würth 1945 eine Schraubengroßhandlung, die Sohn Reinhold nach dem plötzlichen Tod des Vaters als 19-Jähriger übernahm: Heute beschäftigt die Würth-Gruppe als Spezialist für Montage- und Befestigungsmaterial 74.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in 80 Ländern und verbuchte 2017 einen Umsatz von 12,7 Milliarden Euro. Die Würth-Geschichte gehört zum Sagenschatz im Wirtschaftswunder-Deutschland.

Geschäftsbericht und Kunst-Katalog

Wer Reinhold Würth besucht, um mit ihm über Kunst und Kultur zu sprechen, erhält hinterher eine schwere Tasche mit Büchern: Der Geschäftsbericht findet sich darin ebenso wie der Ausstellungs-Katalog „Wohin das Auge reicht“. Das ist ein schöner Titel, und tatsächlich ist diese Kunstsammlung mit rund 18.000 Werken unübersehbar groß.

Sein Ur-Erlebnis hatte Würth am Luganer See. Ein Farbenrausch im Tessin, ein Essen im Freien, Arturo Benedetti Michangeli spielte Scarlatti-Sonaten auf Platte, und der pflichtbewusste Kaufmann verspürte einen kurzen Augenblick „ein Gefühl absoluter Freiheit“. Er fuhr dann, es war das Jahr 1972, mit seinem Freund Paul Swiridoff nach Campione und erwarb für 65.000 Mark ein Aquarell Emil Noldes: „Wolkenspiegelung in der Marsch“.

Seither wuchs nicht nur der Umsatz des „Montageprofis“, sondern auch der Kunstbestand. Picasso und Kraftsprühkleber, Neue Wilde und selbstbohrende Bimetallschrauben, Alfred Hrdlicka und Elektronik-Exzenterschleifer. Als 1992 das in die Konzernzentrale in Künzelsau integrierte, später von Christo und Jean-Claude verpackte Museum Würth eröffnete, erfasste ein 215-Seiten-Katalog das Magazin. Als 2001 die Kunsthalle Würth im benachbarten Schwäbisch Hall aufmachte, dokumentierte ein zweibändiges, 8,5 Kilo schweres Monument die Sammlung. 2005 waren es schon rund 8000 Bilder und Skulpturen.

2011 machte Reinhold Würth Schlagzeilen, als er den Erben des Hauses Hessen die „Schutzmantelmadonna“ von Hans Holbein abkaufte, das Gemälde dem Frankfurter Städel wegschnappte – die Fachwelt spekulierte über den Kaufpreis: 50 bis 60 Millionen Euro. Dieses Bild hängt nicht in der Privatwohnung, ist in keinem Tresor eingeschlossen, es ist in Schwäbisch Hall zu bewundern, in der Johanniterkirche, die Würth zum Museum für seine Alten Meister ertüchtigen ließ. Und zwar bei freiem Eintritt, wie in allen seinen Museen und zehn Kunstdependancen in Europa.

Dazu kommen mäzenatischen Taten, so zahlte er die Sanierung der Villa des Malers Max Liebermann am Berliner Wannsee oder bestückte einen Skulpturenparcours durch Salzburg. Lange wurde der Kunstsammler belächelt, spätestens aber als Teile der Sammlung 2015 im Berliner Gropius-Bau gezeigt wurden, schrieben auch die Großfeuilletons über das „Wunder von Würth“. Ein Ritterschlag. „Aber ja, da war schon ein Ziel erreicht“, sagt der Sammler zurückhaltend wie zufrieden.

Würth ist trotzdem Geschäftsmann, Kinder und Enkel hat er ins Unternehmen eingebunden, als Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats wacht er auch mit 83 unverdrossen über sein Eigentum und fragt sich und seine Mitarbeiter kritisch: „Was ist hinterm Berg und ums Eck?“ Selbstverständlich ist sein Einsatz für Kunst und Kultur keine reine Schöngeisterei oder Volksbeglückung, sondern auch Firmenphilosophie und Marketing. „Wir möchten in einer Welt leben und arbeiten, in der es den Menschen gut geht“, heißt ein Würth-Slogan. Der Unternehmer, dem auch eine 85-Meter-Yacht gehört, verbrämt sein mäzenatisches Engagement nicht, er spricht offen aus, dass die Kultur auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Vom Restaurant bis zur Privatschule, vom Museum bis zum Konzertsaal: Würth ist in Hohenlohe derart omnipräsent, dass es manchen Bürgern unheimlich wird. Aber alle profitieren davon. Und natürlich waren die Hohenloher besonders erschüttert, als Würths schwer behinderter Sohn Markus (53) vor drei Jahren entführt worden war.

„Kerle, hör’ auf mit dem Gefatze!“

„Die Emotionen sind es, die mich mit der Musik verbinden und die ich von ihr erhoffe“, sagt Würth, „für Neue Musik habe ich mich deshalb nie interessiert. Das ist halt organisierter Lärm. Das ist Musik aus dem Intellekt heraus, die auf dem Notenpapier wunderbar aussieht, weil sie mathematisch gut aufgebaut ist. Ob diese Musik die Seele der Menschen auch in 100 Jahren anspricht, da habe ich meine Zweifel, ich glaube, sie tut es auch heute schon nicht.“ Seine Frau Carmen, mit der er seit 62 Jahren verheiratet ist, sei bei der Musik so „nah am Wasser gebaut, da kann es schon passieren, dass sie bei einer Sinfonie in Tränen ausbricht“.

Würths Mutter spielte Harmonium und zwang den kleinen Reinhold, Violine zu lernen. „Der Vater hat gesagt: Kerle, hör’ jetzt auf mit dem Gefatze!“, erinnert sich Würth. Am Radio habe er sehr gerne klassische und romantische Musik gehört, früh schon, als kleiner Bub. „Nur die ,Kleine Nachtmusik’ von Mozart, die kann ich heute nicht mehr hören, weil ich sie zu oft am Plattenspieler habe laufen lassen.“ Muss er auch nicht, er kann sich von seinen Würth Philharmonikern jetzt Lieblingswerke wünschen. Und auch mal Anna Netrebko mit Opernarien im eigenen Konzertsaal.

Philharmoniker mit Villazón und Co.

Konzerte Die Würth Philharmoniker spielen am Freitag, 22. Juni, 20 Uhr, im Carmen Würth Forum in Künzelsau ihr Sommerkonzert mit dem Tenor Rolando Villazón. In der kommenden Saison gehören José Cura, Donald Runncles, Ramon Vargas, Julian Rachlin und Kristine Opolais zu den Dirigenten und Solisten.

Ausstellungen Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zeigt derzeit die Ausstellung „Wohin das Auge reicht“ mit neuen Einblicken in die Sammlung Würth, das Museum Würth in Künzelsau die Obstbilder von Korbinian Aigner (jeweils freier Eintritt).

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