Deutsch Der rechte Rand der Sprache

Was die Phrasen vergessen machen, ist die Realität der Flüchtlingslager, hier ein Kind am Zaun in Griechenland.
Was die Phrasen vergessen machen, ist die Realität der Flüchtlingslager, hier ein Kind am Zaun in Griechenland. © Foto: Adam Berry/Getty Images
Ulm / Lena Grundhuber 07.07.2018

Nun heißt es also „Transitverfahren“. Das ist, zumindest Stand gestern, das vorläufig letzte Wort in der seit Wochen tobenden Asyldebatte. Im Kampf um die Sprache scheint vorerst die SPD obsiegt zu haben – das ungeliebte „Transitzentrum“ ist in die Flucht geschlagen, die befürchteten geschlossenen Lager an der Grenze sind angeblich vom Tisch. Was kommende Woche noch übrig ist vom Koalitionskompromiss, mag man noch nicht vorhersagen. Was geblieben ist: eine Begriffsverwirrung, ein Vokabular der Abschreckung, eine Geisteshaltung der Abschottung.

„Transitzentren“, „Ankerzentren“, „Ausschiffungsplattformen“,  „kontrollierte Zentren“ – in den vergangenen Wochen hat sich ein wahres Waffenarsenal mehr oder weniger zusammengesetzter Hauptwörter angesammelt, das hellhörig macht. Denn allesamt scheinen sie nur dazu entworfen, das einfachste, deutscheste Wort zu vermeiden: Lager. Was man verstehen kann, das Lager hat in Deutschland aus historischen Gründen einen ziemlich unangenehmen Klang.

Das Bedürfnis nach Abgrenzung und Einzäunung flüchtet sich stattdessen in immer neue technokratische Worthülsen, die eine globale Migrationsbewegung als lösbares Problem erscheinen lassen, eine humanitäre Katastrophe zum überschaubaren Verwaltungsakt herunterrechnen sollen. Mal spricht man von „kontrollierten Zentren“, offenbar ohne auch nur einen Gedanken an die grauenerregende Abkürzung zu verschwenden. Mal erfindet man wie beim Ankerzentrum eine irreführende Abkürzung, denn Verankerung wird wohl nicht das oberste Ziel der Zentren für „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung beziehungsweise Rückführung“ sein. Mal leiht man sich eine neutral klingende Vokabel aus der Seefahrt wie die „Ausschiffungsplattform“. Als gälte es, Passagiere aus dem Kreuzfahrtschiff an nordafrikanischen Stränden zu entladen – und nicht Menschen, die auf der Flucht vor Hunger und Krieg sind.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welches Ausmaß an Krankheit, Kriminalität und Not ein Internierungslager in Libyen für Geflüchtete bedeutet. Ein steriler Begriff wie die „Ausschiffungsplattform“ aber lässt jede Vorstellung davon glatt an sich abperlen. Schon das Wort hält uns ein Leid vom Leib, das wir nicht sehen wollen und vermutlich nicht sehen werden.

„Schleierworte“ hat der Philologe Victor Klemperer in seiner berühmten Analyse der Sprache des Nationalsozialismus’ „LTI“ („Lingua tertii imperii“) Wörter genannt, die eine bittere Wahrheit verbergen sollen. Mit historischen Parallelen sollte man vorsichtig sein. Doch Fachsprachen, Technikjargon, Verwaltungssprech sind, vor allem wenn man sie auf Menschen bezieht, Methoden der Verschleierung, der sprachlichen Distanzierung. Sie rücken das Schicksal des Einzelnen weit weg, machen die Flüchtlinge zur anonymen Verhandlungsmasse, die man dann umso leichter als solche behandeln kann.

Neuerdings bedient man sich, wohl dem Zeitgeist geschuldet, außerdem im Themenfeld Konsum und Wirtschaft: Konservative wie Markus Söder und Alexander Dobrindt sprechen von „Asyltourismus“ und „Anti-Abschiebe-Industrie“ und begehen damit eine besonders infame Diskriminierung. Denn ein Flüchtling, egal aus welchem Grund er flieht, reist nicht zum Vergnügen um die Welt. Die Höllenfahrt mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer ist alles andere als ein Kreuzfahrt-Trip.

Es ist schlicht nicht möglich, einen Begriff wie „Asyltourismus“, wie der bayerische Ministerpräsident atemberaubend zynisch behauptet, „sehr verantwortungsvoll“ zu benutzen. Das Wort an sich ist verantwortungslos, ja, es ist bösartig. Menschen, die ohne eigenes Verdienst in der Vollkasko-Gesellschaft aufgewachsen sind, erdreisten sich damit, das Schicksal anderer Menschen lächerlich zu machen, um die Angekommenen dann dank der juristischen Konstruktion einer „Fiktion der Nichteinreise“ für nicht angekommen zu erklären. Das faktische Da-Sein eines Menschen wird einfach geleugnet – der Gipfel des Zynismus? Wir werden sehen.

Indem die CSU einen Begriff wie „Asyltourismus“ benutzt, rückt sie rechtslastiges Vokabular in Richtung gesellschaftlicher Mitte. Je weiter, je aggressiver aber die Worte von rechts hereindrücken, desto mehr verdrängen sie die Vokabeln der Gemeinsamkeit und Nähe. „Multikulti“ wird bald nur noch von unerschrockenen Humanistinnen wie Claudia Roth als positive Errungenschaft verfochten. Das Fremde, das einmal interessant und faszinierend war, droht in der Wahrnehmung zu etwas prinzipiell Angsteinflößendem und Abzuwehrendem zu werden.

Wenn Horst Seehofer jetzt – wiederum geschichtsvergessen – von „totaler Freiheit“ spricht, meint er damit: die totale Freiheit zu gehen. Halten wir es mit dem großen österreichischen Sprachkritiker Karl Kraus, der seine eigene Zeit kommentierte, indem er sie „in Anführungszeichen“ setzte: „wissend, daß ihr Unsäglichstes nur von ihr selbst gesagt werden konnte“. Es gilt, gut zuzuhören. Und dann die Stimme zu erheben.

Klassiker der Sprachkritik

Kraus und Klemperer Victor Klemperers „LTI: Notizbuch eines Philologen“ ist bei Reclam erhältlich (416 S., 12.95 Euro). Ebenso oft herangezogen wird in sprachkritischen Zusammenhängen Karl Kraus, dessen Zeitschrift „Die Fackel“ tausende Seiten umfasst, sein Stück über den Ersten Weltkrieg „Die letzten Tage der Menschheit“ ist dagegen mit 800 Seiten vergleichsweise überschaubar und in verschiedenen Ausgaben erhältlich.

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