Herr Bongartz, bei einem Blindtest wurden kürzlich verschiedene Geigen nach ihrem Klang bewertet, darunter auch diverse Stradivaris. Diese schnitten dabei aber nur unterdurchschnittlich ab. Ist der Mythos Stradivari jetzt entzaubert?

GEORG P. BONGARTZ: Ich glaube nicht, dass man Stradivaris durch einen Blindtest entlarven kann. Eine Stradivari umfasst ja nicht nur ihren klanglichen Aspekt. Diese Geige ist das "Kunstwerk Violine" an sich, und wenn man eine Rangordnung für Streichinstrumente, insbesondere Geigen, aufstellen würde, wäre die Stradivari immer noch ganz oben auf Platz eins.

Wie kann die Stradivari auf Platz eins sein, wenn sie doch angeblich gar nicht so gut klingt?

BONGARTZ: Zunächst bleibt eine Stradivari eine Stradivari, genauso wie ein Picasso ein Picasso bleibt. Was den Ton angeht, kann man sich schon eher streiten. Da gibt es aber so viele Bedingungen zu beachten, unter denen die Stradivari ihren Ton richtig entfaltet, dass ich bezweifle, ob diese alle genügend berücksichtigt wurden. Da ist zuerst der Geiger selbst: Kann er überhaupt eine Stradivari richtig behandeln, um aus dem Instrument die entsprechenden Töne hervorzulocken? Ist das auch die Stimme des Geigers? Wenn das nicht der Fall ist, wie soll der Zuhörer beurteilen, welche Qualität diese Geige hat? Man muss auf jeden Fall einen versierten Spieler fragen, der sein Instrument ganz genau kennt und ich glaube, dann wird man feststellen, dass eine Stradivari, auch wenn es nicht die allerbeste ist, immer noch soviel Restqualität hat, dass sie einem modernen Instrument deutlich überlegen ist.

Was macht das Spiel auf der Stradivari so schwierig?

BONGARTZ: Stradivaris sind Primadonnen, das ist bekannt. Wenn Sie in ein Konzert gehen, wo der Künstler eine Stradivari spielt, können sie hören, dass sich die ersten zehn, fünfzehn Minuten die Geige nicht öffnet. Im Konzertsaal ist zum Beispiel ein Klima oder eine Klimaanlage, an die sich die Stradivari erst gewöhnen muss. Nach ungefähr fünfzehn Minuten merken sie, der Ton wird weicher und die Violine freundet sich mehr mit dem Geiger an. Es ist wie bei einer Balletttänzerin, die jeden Morgen wieder ihre Übungen an der Stange von vorne anfängt. Der Geiger muss immer wieder neu den Zugang zu seiner Geige finden so wie umgekehrt die Stradivari ein Gefallen an ihrem Spieler finden muss. Sie muss sozusagen auch seinen Bogendruck, sein Vibrato lieben. Zwischen dem Geiger und seinem Instrument besteht also eine gegenseitige sehr fragile erotische Beziehung.

Sind die verschiedenen Stradivaris so unterschiedlich in der Qualität?

BONGARTZ: Stradivari ist nicht gleich Stradivari. Die einzelnen Instrumente sind teilweise umfangreichen Restaurationen unterzogen worden. Natürlich gibt es Stradivaris, die will man beim Teufel nicht spielen. Sie sind einfach schwer zu händeln. Ich habe in der Kölner Philharmonie Maxim Vengerow mit seiner Stradivari gehört. Er hat in der ersten Hälfte die Stradivari beinahe malträtiert. Erst nach der Pause gelang es ihm, das Instrument zu öffnen. Erst dann war ein einigermaßen entspannter Klang zu hören. Diese Stradivaris sind heute fast in der Überzahl. Quasi jeder Ton erfordert eine spezielle Formung. Der Interpret muss sein Instrument kennen wie ein Formel-1-Pilot seinen Rennwagen. Er muss wissen: wie reagiert die Geige im Extrembereich. Wenn er den Finger oder Bogen nicht ganz genau aufsetzt, wehrt sich das Instrument sofort.

Wie viele echte Stradivaris gibt es noch weltweit?

BONGARTZ: Von etwa 1200 die Antonio Stradivari geschaffen hat, existieren noch etwa 600, aber das sind bei weitem nicht alles Topinstrumente, wie man sie sich wünscht.

Gibt es noch die großen unentdeckten Geigen-Schätze auf den sprichwörtlichen alten Dachböden?

BONGARTZ: Das ist ein Mythos. Das habe ich in den 35 Jahren als Auktionator noch kein einziges Mal erlebt. Diese Dachbodenfunde, ja - aber die haben nichts mit Stradivaris zu tun. Das waren alles lauter manufakturmäßig hergestellte Stradivari-Kopien, künstlerisch völlig uninteressant.

Was war in Ihrem Beruf bisher das unvergesslichste Erlebnis für Sie?

BONGARTZ: Der große Cellist Mstislaw Rostropowitsch verliebte sich vor Jahren in ein Guadagnini-Cello. Er hatte dieses Instrument nur zwei Minuten lang gespielt und sich sofort dafür entschieden. Wenige Tage später legte er mir einen Koffer voll mit frisch gebündelten Dollarscheinen hin. Wobei ich mir gedacht habe, oh mein Gott, ist das überhaupt echtes Geld? Aber da es Rostropowitsch war, wagte ich überhaupt nicht, mit der Wimper zu zucken. Und natürlich war alles echt.

Was war Ihr unvergesslichstes Konzert?

BONGARTZ: Da fällt mir spontan ein Konzert mit Yehudi Menuhin ein, ungefähr fünf Jahre vor seinem Tod. Er spielte das Beethoven-Violinkonzert und die Chaconne von Bach. Und zum ersten Mal hat eine Geige nicht wie eine Geige geklungen, sondern wie die Stimme eines Engels. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt: das Instrument ist letztlich nicht entscheidend, es ist nur ein Vermittler. Der Ton entwickelt sich im Herzen und in der Seele des Musikers.