Science-Fiction Der Captain kehrt zurück

Las Vegas / Jochen Höneß 15.08.2018

Die Zuschauer springen von ihren Stühlen, reißen die Arme hoch und jubeln. Stürmischer Applaus brandet zur Bühne. Dort steht Patrick Stewart, blaue Jeans, weißes T-Shirt, und lässt das Mikrofon sinken. Der 78-Jährige wischt sich eine Träne aus dem Auge. Die Reaktion des Publikums scheint ihn zu überwältigen. Eben hat er auf der Star-Trek-Con­vention in Las Vegas die Nachricht verkündet, die seit dem ersten August-Wochenende das Fan-Universum begeistert: Jean-Luc Picard ist zurück.

Das Raumschiff Enterprise ist für Fans der ersten Stunde untrennbar mit Captain Kirk und Commander Spock, mit Uhura und Chekov verbunden. Von 1966 bis 1969 lief die Science-Fiction-Serie im Fernsehen – spektakulär in ihrer Vision einer geeinten Menschheit, die sich Seit’ an Seit’ den Herausforderungen des Universums stellt.

Sechs Kinofilme führten die Geschichte zwischen 1979 und 1991 fort. Doch da stand bereits die nächste Generation bereit, fremde Welten zu entdecken: Im Jahr 1987 übernahm Jean-Luc Picard das Kommando der Enterprise D.

Die Produzenten um Star-Trek-Schöpfer Gene Roddenberry schufen mit Picard in vielerlei Hinsicht einen Gegenentwurf zum impulsiven, mitunter jähzornigen Captain Kirk. Strenge Ordnung und Disziplin herrschten nun auf der Brücke; im Umgang mit fremden Spezies und der mitunter widerborstigen Admiralität der Sternenflotte zeigte der neue Kapitän zudem ein außergewöhnliches diplomatisches Geschick.

Patrick Stewart schien die Rolle von der ersten Minute an auf den Leib geschneidert. Mit Hingabe führte er „Star Trek: The Next Generation“ durch sieben Staffeln mit 178 Episoden sowie vier Kinofilme. Es hagelte Auszeichnungen, unter anderem 18 Emmy-Awards.

Von Star-Trek zu X-Men

Doch nach 15 Jahren war Schluss: „Star Trek: Nemesis“ blieb an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurück und erntete durchwachsene Kritiken. Somit dankte im Jahr 2002 auch diese Crew ab.

Stewart blieb dem Film erhalten, brillierte vor allem in der X-Men-Rei­he als Professor Char­les Xavier. Zudem konzentrierte er sich wieder auf seine Theaterkarriere. Denn auch auf der Bühne hatte er sich einen herausragenden Ruf erarbeitet, war er doch seit 1966 Darsteller der Royal Shakespeare Company, einem Theaterensemble in Stratford-upon-Avon, London und Newcastle. Diese Leidenschaft konnte Stewart auch in seiner Rolle als Raumschiffkapitän ein Stück weit ausleben: Immer wieder zitierte Picard Shakespeare, der somit auch im 24. Jahrhundert noch nicht in Vergessenheit geraten ist.

Star Trek wurde auf vielfältige Weise fortgesetzt und vertieft. Bereits in den 90ern liefen die Serien „Deep Space Nine“ und „Voyager“ an, gefolgt vom Prequel „Enterprise“. Ein neues Design versuchten J. J. Abrams und Justin Lin dem Franchise mit ihren drei Kinofilmen zwischen 2009 und 2016 zu verpassen. Auch die jüngste Serie „Discovery“ von CBS bricht optisch und erzählerisch mit vielen Traditionen. Das irritiert viele Fans.

Insofern verwundert es nicht, dass sich bei den Anhängern unter all die Begeisterung ob der Rückkehr Stewarts auch kritische Töne mischen. Denn die neue Serie um Jean-Luc Picard soll ebenfalls von CBS produziert werden. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken auf „Discovery“ zeigen, dass sich viele Trekkies in der Welt nicht mehr zuhause fühlen, die der US-amerikanische TV-Konzern geschaffen hat.

Auch Patrick Stewart hat auf dem Fan-Treffen in Las Vegas betont, dass vieles neu sein werde. Wohl kaum wird er in diesem Alter noch einmal den Captain geben, der von einem Abenteuer zum nächsten fliegt. Womöglich ist er längst im Ruhestand und betrachtet „sein“ Universum aus einem völlig neuen Blickwinkel.

Andererseits weiß Stewart um die Bedeutung seiner Person und seiner Rolle. Er wird sich kaum auf ein Script einlassen, das das Poten­zial hat, dieses Vermächtnis zu beschädigen. Wieso sollte er auch? Jahrelang betonte er in aller Öffentlichkeit, dass er sich nicht vorstellen könne, in seine Rolle zurückzukehren.

Das, was die CBS-Verantwortlichen ihm da vorgeschlagen haben, muss ihn also vollauf überzeugt haben. Einen Starttermin, Details zur Handlung oder zu weiteren Schauspielern gibt es noch nicht; die Überlegungen stehen laut Stewart ganz am Anfang.

In der Folge „Die neutrale Zone“ aus dem Jahr 1988 sagt Jean-Luc Picard an Bord der Enterprise: „In den letzten drei Jahrhunderten hat sich unglaublich viel verändert. Es ist für die Menschen nicht länger wichtig, große Reichtümer zu besitzen. Wir haben den Hunger eliminiert, die Not, die Notwendigkeit, reich zu sein. Die Menschheit ist erwachsen geworden.“ Es sind Zukunftsvisionen wie diese, die Star Trek seine Faszination verleihen. Patrick Stewart trägt daran einen entscheidenden Anteil.

Theater, Fernsehen und ein Ritterschlag

Patrick Stewart wurde am 13. Juli 1940 im englischen Mirfield geboren. Bereits in jungen Jahren begann er, Theater zu spielen. Seit 1966 ist er Mitglied der Royal Shakespeare Company. Internationale Bekanntheit erlangte er 1987 durch seine Rolle als Captain Jean-Luc Picard in „Star Trek – Das nächste Jahrhundert“. Seit 2001 trägt Stewart den Titel eines „Officer of the Order of the British Empire“ (OBE). 2013 heiratete er die 38 Jahre jüngere Sängerin Sunny Ozell. Patrick Stewart lebt in New York. johö

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