Lauter, immer lauter dröhnt es, stärker, immer stärker schwillt die Musik an: Ravels „Boléro“ wird man so schnell nicht aus dem Ohr bekommen. „Factory-like“ sei die treibende Melodie, findet der Künstler Ed Atkins – „fabrikhaft“ und erschöpft durch die akustische Abnutzung. Dennoch oder deshalb: In Atkins’ Video-Arbeit entfaltet die Musik genug Macht, um ein Flugzeug der British Airways zum Abheben zu bringen. „Safe Conduct“ heißt das starke Stück, mit dem der Künstler aus England seine bisher größte Einzelausstellung im Erdgeschoss des Kunsthauses Bregenz eröffnet, sogar die Kasse haben sie dafür ins Untergeschoss verbannt.

Ein wahrer Albtraum

Auf drei Bildschirmen an einem Kran folgt man einem computergenerierten Mann auf seinem Kreuzweg durch die Sicherheitsschleuse eines Flughafens. Eine Parodie auf ein handelsübliches Airport-Video sei das, sagt der Künstler bei der Pressekonferenz. Auch die nämlich seien animiert, „wahrscheinlich, um eine angstbesetzte Situation zu versüßen“. Was ein gutes Stichwort ist, denn Atkins seinerseits lässt einen grauenhaft komischen Albtraum ablaufen. Sein Avatar muss sich die Eingeweide herausreißen und das Gesicht abziehen, Hirn, Darm, Hände flappen in die Plastikwanne unter den Scanner, bevor das Flugzeug unter dem pervers triumphierenden Boléro-Krach abheben kann.

Der arme Avatar bleibt nicht der einzige gebrochene Held in dieser Ausstellung. Auf den vier Ebenen des Kunsthauses bringt der 1982 geborene Künstler seine „emotional crash test dummies“ in Situationen, „in die ich mich selbst nicht begeben würde“, wie er es elegant umschreibt. Als einsam weinender Mann masturbiert sein Avatar im dritten Stock schließlich vor Rorschacht-Tests, bevor er mitsamt seinem Schlafzimmer von der Erdoberfläche verschluckt wird. Soviel zum Humor – doch halt, inspiriert sei das Werk tatsächlich von einer wahren Geschichte, erklärt der Künstler. „Was mich interessiert hat, ist unser Bedürfnis, daraus einen Sinn zu ziehen.“

Den wird man in seinen Video-Installationen natürlich vergebens suchen, denn diese Geschichten kennen keinen Anfang und kein gültiges Ende. Atkins’ Figuren sind gefangen in Loops, stolpern als keuchende Märchenprinzen durch virtuelle Pseudo-Idyllen oder versuchen verzweifelt, Erinnerungen abzurufen. Körperlose Stellvertreter, so ähnlich wie die Kostüme von den Bregenzer Festspielen und aus dem Vorarlberger Landestheater, die den ersten Stock befüllen. „Steeped in sentimentality“, nennt Ed Atkins selbst sein Tun, „durchtränkt“ von Sentimentalität und Melancholie. Denn in dieser opernhaften Inszenierung schwingt die Trauer einer Verlustgeschichte mit. „Ein Teil meines Interesses für die Digitalität ist, dass die Sprache gewissermaßen davor versagt“, sagt Atkins, „alle Wörter dafür sind Reste von Wörtern, die einmal echte Dinge bezeichnet haben.“ So wie das Wort „to render“ ursprünglich ja auch aus dem Kontext des Schlachtens komme.

Gut kathartisch empfinden wir Furcht und Mitleid mit dem verlorenen, entfremdeten Personal im digitalen Spiegel. Denn wir, die wir uns für soviel souveräner halten, sollten lieber gründlich lesen. Einer der Texte, die wie auf alte Gedenktafeln gemeißelt an der Wand hängen, klärt auf: „Atkins’ Ausstellung ist der Köder, dich in den Museumskörper zu locken“, erfahren wir.

So wie der hilflose Held auf den Bildschirmen durch die Flughafen-Security „prozessiert wird“, so werden auch die Körper des Museumsbesuchers erfasst, verwertet, zur Besucherzahl abstrahiert. Und der „Boléro“ dröhnt ohrenbetäubend dazu.

Kunst am Bodensee


Die Ausstellung von Ed Atkins ist im Kunsthaus Bregenz noch bis zum 31. März zu sehen. Öffnungszeiten sind von Dienstag bis Sonntag, jeweils 10-18 Uhr, Donnerstag 10-20 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog zum Preis von 42 Euro. Mehr Infos unter: www.kunsthaus-bregenz.at