Kaum ein anderer Autor liefert so häufig die Vorlagen für erfolgreiche Hollywood-Filme: Dennis Lehane schrieb „Mystic River“, „Shutter Island“ und „Gone Baby Gone“, die mit Leonardo DiCaprio, Sean Penn und weiteren Superstars von Clint Eastwood, Martin Scorsese und David Fincher verfilmt wurden.

Woran liegt es, dass Ihre Romane in Hollywood so gut ankommen?

Keine Ahnung. Zurzeit könnte ich wohl sogar spontan ein paar ­Ideen auf einen Bierdeckel kritzeln, und irgendein Studio würde sagen: Wow, was für ein toller Stoff, den kaufen wir! Im Ernst: Ich habe einen hohen Anspruch an die Verfilmungen, ähnlich wie bei meinen Büchern. Qualität ist mir wichtiger als Geld.

Mit einer Millionensumme kann man Sie nicht locken?

Nein. Das größte Studio mit dem dicksten Scheck hat mich noch nie interessiert. Ich arbeite nur mit Leuten, die auch auf Qualität Wert legen. Mein Alptraum wäre es, meine Arbeit für viel Geld jemandem zu überlassen, der nicht kapiert, worum es mir geht, und sie dann zerfetzt. Zum Glück ist das noch nie passiert. Ich habe zwar auch ein paar beschissene Erfahrungen mit Hollywood gemacht, aber die meisten waren positiv.

Wie ist es, mit Superstars wie Leonardo DiCaprio, Ben Affleck oder Sean Penn zu arbeiten?

Ich mag diese Jungs genauso gern wie all die anderen, mit denen ich gearbeitet habe. Wir hatten auch wirklich Spaß während der Dreharbeiten. Aber danach ist es vorbei, und wir alle gehen wieder unsere eigenen Wege. Ich habe zwar die Telefonnummern von Leo, Ben und den anderen, habe sie aber noch nie angerufen.

In Ihrem neuen Roman „Der Abgrund in dir“ wirken alle Menschen wie Schauspieler, und an einer Stelle heißt es: „Wir sind alle Lügner“. Tatsächlich?

Wir alle nehmen selbst fabrizierte Identitäten an, die wir der Welt präsentieren. Mal ganz ehrlich: Wir würden es doch vorziehen, wenn die Menschen, die wir treffen, glauben, dass wir viel schlauer und geistreicher sind, als es tatsächlich der Fall ist. Also spielen wir eine Rolle. Unsere echtesten Identitäten zeigen wir nur den Leuten, die wir nicht mehr täuschen können – unsere Partner, Geschwister und Kinder.

Welche Rolle spielen Sie selbst am besten?

Ich kann ziemlich gut den bodenständigen Typen geben, der jungenhaft charmant ist. Das ist jedoch ein oberflächlicher Charme, der sich in der Zeit feingeschliffen hat, als ich als Teenager und junger Mann Frauen rumkriegen wollte. Obwohl dieses Talent eigentlich unbedenklich ist, habe ich später gemerkt, dass es auch noch eine dunklere Komponente hat, wie alle Rollen es in sich ­haben.

„Der Abgrund in dir“ unterscheidet sich deutlich von Ihren früheren Büchern – was hat Sie daran gereizt?

Nach 15 Jahren mit Romanen, die meistens in der Vergangenheit und in sehr männlich dominierten Welten spielten, wollte ich unbedingt etwas anderes schreiben. Etwas, das fest im Heute verankert ist und eine weibliche Hauptfigur hat. Das ist Rachel, eine Journalistin, die aufdeckt, dass ihr Ehemann ein Betrüger und ihr gemeinsames Leben allein auf Lügen aufgebaut ist.

In Zeiten von Fake News und Donald Trump scheinen Lügen zunehmend akzeptiert zu werden. Wie konnte das passieren?

Das Internet hat nicht nur die Art geändert, wie die Leute ihre Nachrichten erhalten. Es hat auch die Vorstellung vom Zusammenhang der Dinge ausradiert. Früher wussten wir, dass die Fakten, die wir etwa von der „New York Times“ bekamen, viel wertvoller und realistischer waren als die „Fakten“, die uns der Typ anvertraute, der in der Kneipe neben uns auf dem Barhocker saß. Warum? Weil die Reporter der „Times“ Bildung und Erfahrung hatten. Also gab es einen Zusammenhang und eine Voraussetzung für die Fakten. Aus irgendeinem Grund schätzen wir das heute nicht mehr. Und der Typ auf dem Barhocker ist jetzt das Internet.

Apropos Barhocker: Stimmt es wirklich, dass Ihr Vater Sie früher regelmäßig heimlich in eine Bar mitgenommen hat?

Ja. Jeden Samstag schickte meine Mutter ihn auf den Markt zum Einkaufen und ich durfte mit. Mein Vater ging mit mir allerdings bald in eine Bar. Ich saß auf einem Hocker, vor mir ein Ginger Ale, und um mich herum all diese irischen und polnischen Arbeiter beim Biertrinken. Meine Familie und diese Bar haben die Basis für meine Karriere als Geschichtenerzähler gelegt.

Wo liegt der Zusammenhang?

Ich lernte durchs Zuhören, wie man Leute mit einer Geschichte fesselt. Ich habe vier Geschwister, und mein Vater wuchs sogar mit 15 Brüdern und Schwestern auf. Bei so vielen Verwandten ist ständig etwas los und dauernd gibt es Familientreffen. Dabei habe ich die Grundregeln des Geschichtenerzählens gelernt: 1. Fang immer sofort mit der Story an, halte dich nicht mit langen Umschreibungen auf. 2. Sei komisch und lustig, habe einen Blick fürs Skurrile. 3. Bleib glaubwürdig. Dazu zählt, dass die Hauptfigur nicht dauernd Glück und Erfolg haben darf. Das wäre unrealistisch und langweilig.

Auch Drehbücher fürs Fernsehen


Bekannt wurde Dennis Lehane durch seinen Bestseller „Spur der Wölfe“, der 2003 erfolgreich von Clint Eastwood unter dem Originaltitel „Mystic River“ verfilmt wurde. Seine Romane wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Lehane schreibt auch Drehbücher für TV-Serien wie „The Wire“. Der 53-Jährige stammt aus einer irischen Arbeiterfamilie und lebt mit seiner Familie in Kalifornien.